Stellen Sie sich vor, Sie hören nach einer Übungspräsentation im Kurs: „Der Schluss ist unklar, und die Hauptaussage geht verloren.“ Sie nicken, nehmen den Rest der Rückmeldung aber kaum noch wahr. In Ihrem Kopf entsteht der Eindruck, dass die anderen besser sind und Sie es nicht können. Zu Hause schieben Sie die nächste Übung auf, obwohl Sie ursprünglich etwas lernen wollten.
In einer solchen Situation können Sie zwei Dinge getrennt betrachten: Ihre eigene Reaktion und die konkrete Aufgabe. Emotionale Intelligenz zeigt sich hier in einer einfachen Vorgehensweise. Sie nehmen wahr, was Sie fühlen, wählen eine passende Antwort und klären, welcher Teil der Rückmeldung Ihnen beim nächsten Versuch hilft. Der folgende Ablauf eignet sich für Kurse, berufliche Weiterbildungen oder das Lernen einer neuen Fähigkeit im Erwachsenenalter.
Geben Sie sich vor der ersten Antwort etwas Zeit
Wenn Sie sofort erklären möchten, warum die Bewertung unfair ist, nehmen Sie zunächst Ihre Reaktion wahr. Vielleicht sind Sie vom Ergebnis enttäuscht, fühlen sich vor der Gruppe unwohl, ärgern sich über die Art der Kommunikation oder sind durch eine unklare Anmerkung verunsichert. Sie müssen nicht jedes Gefühl exakt benennen. Es reicht, zu erkennen, was Sie gerade am stärksten getroffen hat.
Bei mündlichem Feedback können Sie um einen Moment für Notizen oder um eine Wiederholung des Hauptpunkts bitten. Wenn Sie der Erklärung nicht mehr folgen können, vereinbaren Sie eine Rückkehr zum Thema nach der Pause. Bei einer schriftlichen Bewertung können Sie mit Ihrer Antwort warten, bis Sie die Anmerkungen gemeinsam mit Ihrer Arbeit durchgesehen haben.
Trennen Sie die Bewertung der Arbeit von einem Urteil über sich selbst
Teilen Sie auf einem Blatt auf, was gesagt wurde, was es in Ihnen ausgelöst hat und was Sie daraus geschlossen haben. Der Hinweis auf einen unklaren Schluss einer Präsentation bedeutet nicht, dass Sie Präsentieren nicht lernen können. Umgekehrt entscheidet ein unangenehmes Gefühl allein noch nicht darüber, ob die Rückmeldung falsch ist.
In der Ausgangssituation könnte ein kurzer Eintrag so aussehen:
| Teil der Notiz | Konkretes Beispiel |
|---|---|
| Was gesagt wurde. | „Der Schluss ist unklar, und die Hauptaussage geht verloren.“ |
| Was ich fühle. | Enttäuschung und Verlegenheit vor den anderen. |
| Welche Schlussfolgerung ich hinzugefügt habe. | „Ich kann nicht präsentieren, und der Kursleiter hält mich für unfähig.“ |
| Was ich überprüfen muss. | Welcher Teil des Schlusses war unklar, und was hätte darin stehen sollen? |
Kennzeichnen Sie die vermutete Meinung der anderen Person als Vermutung. Wenn der Kursleiter nicht allgemein über Ihre Fähigkeiten gesprochen hat, legen Sie ihm eine solche Aussage nicht in den Mund. Gleichzeitig dürfen Sie anerkennen, dass Sie die Bewertung verletzt oder enttäuscht hat. Beide Informationen können nebeneinander bestehen.
Die Notiz soll den nächsten Schritt klären. Wenn Sie immer wieder zu denselben Sätzen zurückkehren, ohne dass eine Frage oder ein Verbesserungsvorschlag hinzukommt, legen Sie sie beiseite. Sie können später zur Arbeit zurückkehren oder die unklare Stelle mit jemandem besprechen, der die Aufgabe kennt.
Bitten Sie um ein Beispiel und ein Kriterium
Bei Aussagen wie „schwach“, „nicht überzeugend“ oder „zu wenig ausgearbeitet“ ist oft noch nicht klar, was Sie anders machen sollen. Bitten Sie um eine konkrete Stelle in Ihrer Arbeit und um eine Erklärung, woran das Ergebnis gemessen wird. Wählen Sie je nach Bedarf eine der folgenden Fragen:
- Problemstelle: „Können Sie mir zeigen, an welcher Stelle die Hauptaussage verloren geht?“
- Erwartetes Ergebnis: „Was sollte die Zuhörerin oder der Zuhörer nach dem Schluss wissen oder tun können?“
- Reihenfolge der Überarbeitungen: „Welche Ihrer Anmerkungen sollte ich beim nächsten Versuch zuerst bearbeiten?“
Prüfen Sie anschließend mit eigenen Worten, ob Sie alles richtig verstanden haben: „Wenn ich Sie richtig verstehe, soll ich am Ende den Vorschlag und die Entscheidung, die ich vom Publikum brauche, klar benennen.“ Der Kursleiter kann Ihre Zusammenfassung bestätigen oder korrigieren.
Falls es Bewertungskriterien gibt, vergleichen Sie die Rückmeldung mit diesen Kriterien. Bei einer Übungspräsentation kann die Verständlichkeit des Schlusses beurteilt werden, bei einer anderen Aufgabe der Umgang mit Quellen oder die Genauigkeit des Vorgehens. Die Überarbeitung sollte zu dem passen, was Sie gerade lernen.
Machen Sie aus der Rückmeldung eine überprüfbare Änderung
Eine Liste von Anmerkungen ist noch kein Übungsplan. Wählen Sie eine wesentliche Änderung, die Sie umsetzen und anschließend überprüfen können. Wenn Sie zwischen mehreren Fehlern nicht entscheiden können, klären Sie erneut, welcher Punkt Vorrang hat. Umfang und Tiefe der Überarbeitung sollten zur Aufgabe und zum verfügbaren Termin passen.
Fortsetzung des Beispiels: In der Übungspräsentation stellen Sie die Idee für einen Buchclub vor. Ihr ursprünglicher Schluss lautet: „Das könnte interessant sein, also war es das wohl.“ Nach der Präzisierung des Feedbacks formulieren Sie ihn neu: „Ich schlage vor, einmal im Monat gemeinsam ein Buch zu besprechen. Heute müssen wir entscheiden, ob Interesse besteht und welcher Wochentag für uns passt.“
Nun haben Sie etwas Konkretes, das Sie überprüfen können. Bitten Sie eine Person, der Sie den Schluss vortragen, mit eigenen Worten zu wiederholen, welchen Vorschlag sie gehört hat und worüber entschieden werden soll. Wenn sie das aus Ihren Sätzen nicht erkennen kann, können Sie sie weiter überarbeiten. Bei diesem Versuch konzentrieren Sie sich auf die Verständlichkeit des Schlusses.
Bei einer schriftlichen Aufgabe können Sie beispielsweise eine Erklärung zwischen einer Aussage und einem Beispiel ergänzen. In einer praktischen Übung wiederholen Sie den Schritt, bei dem der Fehler aufgetreten ist. Das Ziel „Ich muss mich mehr anstrengen“ wird dadurch zu einer konkreten Handlung, die Sie ausführen können.
Begründen Sie Widerspruch mit der Aufgabe und konkreten Argumenten
Nicht jede Rückmeldung müssen Sie ungeprüft annehmen. Es kann ein Missverständnis vorliegen, die bewertende Person kann einen Teil Ihrer Arbeit übersehen haben oder etwas beurteilen, das in der Aufgabenstellung nicht eindeutig war. Zeigen Sie in diesem Fall die konkrete Stelle und erklären Sie Ihr Vorgehen.
Sie können sagen: „Ich habe das Ziel der Aufgabe so verstanden und deshalb diesen Schluss gewählt. Welche Anforderung erfüllt er Ihrer Ansicht nach nicht?“ So kann sich das Gespräch auf den unterschiedlichen Aufgabenauslegungen konzentrieren. Wenn Sie eine Anforderung übersehen haben, wissen Sie, was zu korrigieren ist. Wenn sie unklar war, können Sie eine Präzisierung vereinbaren.
Bei kreativen Aufgaben sollten Sie außerdem klären, ob es sich um ein verbindliches Kriterium oder um eine persönliche Vorliebe der bewertenden Person handelt. Die Empfehlung, ein anderes Beispiel zu verwenden, kann hilfreich sein, bedeutet aber nicht immer, dass Ihr ursprüngliches Beispiel fehlerhaft ist. Fragen Sie, welches Problem die vorgeschlagene Änderung lösen soll.
Achten Sie auch auf die Art der Rückmeldung
Eine sachliche Anmerkung kann trotzdem verletzend vorgetragen werden. Sie können an dem benannten Fehler arbeiten und zugleich um eine andere Form der Kommunikation bitten: „Ich werde den Schluss ergänzen. Bitte bleiben wir bei der Bewertung bei konkreten Teilen meiner Arbeit.“ Wenn eine sensible Situation vor der ganzen Gruppe besprochen wird, können Sie nach einem kurzen Einzelgespräch fragen.
Wenn die Bewertung wiederholt in Spott oder persönliche Beleidigungen übergeht, sollten Sie auch die Lernbedingungen ansprechen. Wenden Sie sich an die Kursorganisation oder eine zuständige Person und schildern Sie die konkreten Aussagen und Situationen. Je nach Möglichkeit können Sie um eine andere bewertende Person bitten oder die Form der Rückmeldung verändern.
Der Umgang mit Ihren eigenen Gefühlen löst das Verhalten der anderen Person nicht für Sie. Dieses Vorgehen soll Ihnen helfen, eine Bewertung zu verarbeiten. Es ist kein Grund, Demütigungen als unvermeidlichen Teil des Lernens hinzunehmen.
Prüfen Sie bei der nächsten Aufgabe, ob Sie die Rückmeldung anwenden
Wenn Sie zu einer ähnlichen Übung zurückkehren, versuchen Sie, die ausgewählte Änderung auch in einer neuen Aufgabe umzusetzen. Bereiten Sie bei der nächsten Präsentation beispielsweise einen Schluss vor, aus dem klar hervorgeht, was Sie vom Publikum brauchen. Überprüfen Sie anschließend genau diesen Punkt. Eine gelungene Korrektur in einer Situation bedeutet noch nicht automatisch, dass Sie sie überall anwenden.
Vergleichen Sie die Versuche anhand konkreter Ergebnisse: Ist die Hauptaussage verständlicher? Können Sie den Ablauf erklären? Verstehen Sie, warum die Änderung nötig war? Auch wenn sich die Bewertung weiterhin unangenehm anfühlt, können Sie bereits wissen, was Sie daraus nutzen wollen. Sicherheit und die Bewältigung einer konkreten Aufgabe müssen nicht gleichzeitig entstehen.
Klären Sie vor der nächsten Übung mit dem Kursleiter einen Punkt, zu dem Sie Feedback möchten: „Ich arbeite an einem klaren Schluss. Bitte sagen Sie mir, ob Sie daraus meinen Vorschlag verstehen.“ So haben Sie eine konkrete Frage, auf die Sie nach der Bewertung zurückkommen können.