Ein Bekannter bietet Ihnen an, 2.000 Euro in ein junges Unternehmen zu investieren. Er spricht von hohen Renditechancen und einer einmaligen Gelegenheit. Sie beschäftigt jedoch eine andere Frage: Was, wenn Sie das Geld nicht zurückbekommen? Entscheidend ist nicht nur, ob Ihnen der Gedanke an einen Verlust unangenehm ist. Sie müssen wissen, welchen Verlust Ihr Budget verkraftet und mit welchem Sie persönlich leben können.
Eine persönliche Verlustgrenze ist ein hilfreicherer Ausgangspunkt als die Selbsteinschätzung „Ich bin eher vorsichtig“. Sie trennt Geld für den Alltag von Kapital, das einem ungewissen Ausgang ausgesetzt ist. Eine passende Grenze garantiert zwar nicht, dass Sie die richtige Anlage wählen. Sie kann aber verhindern, dass ein mutiger Versuch zum Problem bei der Begleichung laufender Ausgaben wird.
Klären Sie zuerst, was Sie verlieren können
Bei Geldanlagen ist oft von Kursschwankungen die Rede. Risiken können aber auch andere Formen annehmen. Sinkt der Preis eines handelbaren Vermögenswerts, ist Ihre Anlage weniger wert. Scheitert ein unternehmerisches Projekt, an dem Sie beteiligt sind, können Sie Ihren gesamten Einsatz verlieren. Bei manchen Produkten kommen Sie außerdem möglicherweise nicht an Ihr Geld, wenn Sie es brauchen.
Für Ihre Entscheidung sollten Sie deshalb drei Fragen auseinanderhalten: Wie viel können Sie verlieren, wann könnten Sie das Geld benötigen und können Sie aus der Anlage wieder aussteigen? Eine geringe Wahrscheinlichkeit für einen ungünstigen Ausgang bedeutet nicht, dass auch die Folgen gering sind. Selbst ein seltenes Ereignis kann für einen Haushalt finanziell schwerwiegend sein.
- Wertverlust: Die Anlage lässt sich verkaufen, doch der aktuelle Verkaufspreis kann unter dem Kaufpreis liegen.
- Dauerhafter Verlust: Ein Projekt oder Emittent kann scheitern, sodass ein Teil oder das gesamte Kapital verloren ist.
- Eingeschränkte Verfügbarkeit: Ein Verkauf kann begrenzt, verzögert oder nur mit einem erheblichen Abschlag möglich sein.
- Zusätzliche Verpflichtungen: Bei Kreditaufnahme, Hebelwirkung oder persönlicher Bürgschaft kann der Verlust über den ursprünglichen Einsatz hinausgehen.
Wenn Sie die Bedingungen eines Angebots nicht verstehen, sollten Sie Ihre Grenze nicht anhand eines optimistischen Szenarios festlegen. Klären Sie zunächst, ob Sie nur den eingesetzten Betrag verlieren können oder ob weitere Verpflichtungen entstehen. Ohne diese Antwort lässt sich kein sinnvoller maximaler Verlust bestimmen.
Risikobereitschaft und finanzielle Tragfähigkeit sind nicht dasselbe
Manche Menschen belastet ein Kursrückgang, obwohl sie ausreichende Rücklagen haben. Andere kommen mit Unsicherheit gut zurecht, obwohl ihr Kontostand kaum für die nächsten Rechnungen reicht. Keine dieser Reaktionen entscheidet für sich allein darüber, ob eine Anlage geeignet ist. Die finanzielle Tragfähigkeit eines Verlusts ergibt sich aus den tatsächlichen Verpflichtungen. Die persönliche Belastbarkeit zeigt sich daran, wie sich ein Verlust auf Schlaf, Konzentration und weitere Entscheidungen auswirken würde.
Stellen Sie sich vor einer Anlage drei konkrete Situationen vor: Der Wert fällt um ein Drittel, dann um die Hälfte und schließlich geht der gesamte Einsatz verloren. Was müssten Sie im Alltag ändern? Würden Sie eine notwendige Reparatur aufschieben, Rechnungen verspätet bezahlen oder lediglich Ihre Ausgaben für Freizeit anpassen? Fragen Sie sich auch, ob Sie nach einem Rückgang versucht wären, schnell nachzukaufen oder den Verlust sofort „zurückzugewinnen“.
Ermitteln Sie Ihr verfügbares Geld ausgehend von Ihren Ersparnissen
Ein häufiger Fehler ist, einfach den Kontostand als Ausgangspunkt zu nehmen. Darin können jedoch Miete, Steuern, Kreditraten, Rücklagen für einen Einkommensausfall und Geld für ein bestimmtes Vorhaben enthalten sein. Dieses Geld steht nicht ohne Folgen für riskante Anlagen zur Verfügung.
Eine einfache Aufteilung in dieser Reihenfolge hilft:
- Listen Sie notwendige Zahlungen auf. Berücksichtigen Sie laufende Ausgaben, Raten und bekannte Verpflichtungen, die Sie erfüllen müssen.
- Trennen Sie Ihre Notfallreserve ab. Richten Sie sie nach der Stabilität Ihres Einkommens, den Haushaltskosten und möglichen Notfällen aus. Sie sollte nicht davon abhängen, ob die Märkte gerade steigen.
- Planen Sie Geld für nahe Ziele ein. Geld für eine Autoreparatur in sechs Monaten oder für Wohnkosten hat möglicherweise nicht genug Zeit, einen deutlichen Wertverlust auszugleichen.
- Prüfen Sie den verbleibenden Spielraum. Selbst wenn Geld übrig bleibt, müssen Sie nicht alles investieren. Der Betrag ist lediglich ein oberer Rahmen für die weitere Überlegung.
- Legen Sie Ihre persönliche Verlustgrenze fest. Notieren Sie den Betrag, dessen vollständiger Verlust weder wichtige Vorhaben zunichtemachen noch neue Schulden verursachen würde.
Bleibt nach Abzug dieser Ausgaben nichts übrig, ist ein Betrag von null Euro für eine riskante Anlage eine vollwertige Entscheidung. Das ist kein Mangel an Mut. Gerade bei unsicherem Einkommen oder teuren Schulden kann es wichtiger sein, die Rücklagen zu stärken und Verpflichtungen zu ordnen, als nach Rendite zu suchen.
Ein Beispiel zur Berechnung der Verlustgrenze
Nehmen wir ein vereinfachtes Beispiel: Dana hat 9.000 Euro auf dem Konto. Davon betrachtet sie angesichts ihrer Ausgaben 4.500 Euro als notwendige Rücklage. Weitere 2.500 Euro spart sie für eine geplante Reparatur, und 1.000 Euro braucht sie für anstehende Verpflichtungen. Es bleiben 1.000 Euro, auf die sie nicht unmittelbar angewiesen ist. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie problemlos den ganzen Betrag verlieren könnte.
Als sie sich den vollständigen Verlust vorstellt, entscheidet sie, dass sie höchstens 250 Euro verkraften würde, ohne wichtige Vorhaben ändern zu müssen. Ihre Verlustgrenze liegt damit bei 250 Euro, nicht bei 9.000 oder 1.000 Euro. Erwägt sie eine Beteiligung an einem jungen Unternehmen, bei der der gesamte Einsatz verloren gehen kann, würde ein Betrag über 250 Euro ihre eigene Regel verletzen.
| Geldposten | Beispielbetrag | Bedeutung für die Entscheidung |
|---|---|---|
| Gesamter Kontostand | 9.000 € | Nicht automatisch für Anlagen bestimmt |
| Notfallreserve | 4.500 € | Schutz bei unerwarteten Ereignissen |
| Geplante Reparatur | 2.500 € | Geld, das in naher Zukunft benötigt wird |
| Anstehende Verpflichtungen | 1.000 € | Geld für bekannte Zahlungen |
| Verfügbarer Restbetrag | 1.000 € | Spielraum, um Möglichkeiten abzuwägen |
| Verkraftbarer Totalverlust | 250 € | Persönliche Grenze für einen hochriskanten Einsatz |
Das Beispiel veranschaulicht lediglich die Berechnung. Es ist keine Empfehlung für die Höhe einer Rücklage oder Anlage. In einem anderen Haushalt wären die Beträge ganz anders. Geht die Anlage mit zusätzlichen Verpflichtungen einher, reicht es nicht, nur den Einsatz zu begrenzen. Ein solches Produkt kann außerhalb der festgelegten Grenze liegen, unabhängig davon, wie niedrig die anfängliche Zahlung wirkt.
Ein Rückgang um die Hälfte prüft Ihren Plan und Ihre Entscheidungen
Stellen Sie sich vor, eine Anlage im Wert von 1.000 Euro fällt auf 500 Euro. Sie haben die Hälfte des ursprünglichen Werts verloren. Damit aus den verbliebenen 500 Euro wieder 1.000 Euro werden, müsste der Wert um 100 Prozent steigen. Gehen Sie daher nicht automatisch davon aus, dass sich ein großer Verlust durch einen gleich großen prozentualen Anstieg ausgleichen lässt.
Ein Kursrückgang sagt für sich genommen nicht, was Sie tun sollten. Bei einem breit gestreuten Anlageinstrument mit langem Anlagehorizont kann er eine Schwankung sein, mit der Sie gerechnet haben. Bei einem einzelnen Unternehmen kann ein neues Problem die Aussichten erheblich verschlechtern. Entscheidend ist, ob sich nur der Preis verändert hat oder auch die Gründe, aus denen Sie investiert haben.
Beantworten Sie vor einem möglichen Nachkauf, Verkauf oder Abwarten vier Fragen:
- Haben sich überprüfbare Informationen über das Projekt geändert oder nur seine Marktbewertung?
- Benötige ich das Geld, bevor sich die Lage weiterentwickeln kann?
- Würde ich die Anlage heute zu den aktuellen Bedingungen kaufen, wenn ich sie noch nicht besäße?
- Entscheide ich nach meinem Plan oder versuche ich nur, das unangenehme Gefühl des Verlusts loszuwerden?
Die letzte Frage ist besonders wichtig. Wer verlorenes Geld sofort zurückgewinnen möchte, geht womöglich ein noch größeres Risiko ein. Panikverkäufe sind allerdings ebenso wenig eine allgemeingültige Lösung. Prüfen Sie die Situation anhand der verfügbaren Fakten neu und nicht danach, wie viel Sie bereits investiert haben.
Wann eine kleine Anlage kein sicherer Test ist
Die Höhe des Einsatzes und die Sicherheit eines Produkts sind zwei verschiedene Dinge. Bei einem geprüften Produkt kann ein kleinerer Betrag die finanziellen Folgen eines Fehlers begrenzen. Das gilt aber nicht automatisch für jedes Angebot. Ein kleiner Einsatz ist kein sicherer Weg, ein verdächtiges Projekt auszuprobieren. Selbst eine kleine Zahlung kann bedeuten, dass Sie persönliche Daten preisgeben, ungünstigen Bedingungen zustimmen oder eine Verpflichtung eingehen, deren Umfang Sie nicht verstehen.
Besondere Vorsicht ist angebracht, wenn Ihnen jemand eine hohe garantierte Rendite verspricht, Risiken nicht erklären will oder auf eine sofortige Zahlung drängt. Keine Verlustgrenze ersetzt die Prüfung, mit wem Sie einen Vertrag schließen, was genau Sie kaufen und welche Rechte Sie erhalten.
Bei kleineren Beträgen sind auch Gebühren besonders relevant. Eine feste Ein- oder Ausstiegsgebühr kann einen erheblichen Anteil des Einsatzes ausmachen. Vergleichen Sie vor Ihrer Entscheidung deshalb nicht nur mögliche Renditen in Prozent, sondern auch alle bekannten Kosten, Verkaufsbeschränkungen und die Art der Bewertung.
Halten Sie Ihre Regel vor der Entscheidung schriftlich fest
Am wichtigsten ist Ihre persönliche Grenze vor der Anlage, nicht erst nach einem starken Rückgang. Eine kurze Notiz hilft Ihnen, bei steigenden Kursen das Risiko nicht plötzlich für belanglos und bei fallenden Kursen für unerträglich zu halten.
Notieren Sie fünf konkrete Punkte:
- Zweck: Warum ziehen Sie die Anlage in Betracht und welches Ziel möchten Sie damit verfolgen?
- Anlagehorizont: Wann werden Sie das Geld voraussichtlich brauchen, und kann sich dieser Zeitpunkt ändern?
- Schlimmster verkraftbarer Ausgang: Wie hoch wäre der mögliche Verlust einschließlich Gebühren und weiterer Verpflichtungen?
- Grund für die Auswahl: Was wissen Sie über die Anlage und welche Annahmen müssen Sie noch überprüfen?
- Anlass für eine Neubewertung: Welche Veränderung bei Einkommen, Ausgaben oder Anlage würde Sie dazu bringen, Ihren Plan zu überprüfen?
Sie müssen keinen exakten Kurs festlegen, bei dem Sie die Anlage unbedingt verkaufen. Bei manchen Produkten ist ein Verkauf zum gewünschten Preis möglicherweise gar nicht möglich. Hilfreicher ist es, zu wissen, unter welchen Umständen Sie Ihr Risiko erneut prüfen und einen weiteren Einsatz aussetzen würden.
Wenn Sie noch nicht bereit sind, Geld zu riskieren
Sie müssen sich nicht zwischen einer großen Wette und völliger Gleichgültigkeit gegenüber dem Investieren entscheiden. Fehlen Ihnen ausreichende Rücklagen oder Klarheit über die Bedingungen, können Sie zunächst ein wenig Zeit in Wissen investieren. Wählen Sie ein konkretes Produkt, lesen Sie die Regeln, vergleichen Sie die Kosten mit Alternativen und beobachten Sie, wie sich ein hypothetischer Einsatz bei unterschiedlichen Entwicklungen verhalten würde. Das ersetzt weder die tatsächliche Erfahrung mit den eigenen Gefühlen noch garantiert es ein späteres Ergebnis. Es kann aber Unklarheiten aufdecken, bevor Sie Geld überweisen.
Für den Anfang reicht es, den Betrag festzulegen, den Sie erwägen, und aufzuschreiben, was bei einem vollständigen Verlust passieren würde. Wären die Folgen nicht tragbar, senken Sie den geplanten Einsatz oder verschieben Sie die Entscheidung. Ist der Verlust verkraftbar, folgt daraus noch nicht automatisch ein Kauf: Prüfen Sie zunächst die Anlage selbst. „Noch nicht“ sagen zu können, ist beim Umgang mit Risiken ebenso hilfreich wie die Bereitschaft, eine Gelegenheit zu nutzen.