Sie erhalten ein Angebot für ein Projekt, eine neue Aufgabe oder eine Führungsrolle – und reagieren zwiespältig. Einerseits sehen Sie die Chance, sich weiterzuentwickeln. Andererseits fragen Sie sich, ob Ihre Erfahrung dafür schon ausreicht. In diesem Moment helfen einfache Regeln wie „Einfach machen“ oder „Warten, bis ich bereit bin“ wenig. Entscheidend ist, ob es sich um eine bewältigbare Herausforderung handelt oder um ein Risiko, das derzeit zu groß ist.
Berufliches Wachstum entsteht oft bei Aufgaben, die über das hinausgehen, was man bereits sicher beherrscht. Doch nicht jede Unsicherheit ist ein Zeichen für eine gute Gelegenheit. Beziehen Sie in Ihre Entscheidung ein, welche Fähigkeiten Ihnen noch fehlen, welche Unterstützung verfügbar ist, welche Folgen ein Fehler hätte und ob sich das Risiko vorab verringern lässt.
Finden Sie zuerst heraus, was Ihnen Sorgen bereitet
Hinter dem Satz „Ich fühle mich nicht bereit“ können ganz unterschiedliche Dinge stecken. Vielleicht fehlt Ihnen eine bestimmte fachliche Fähigkeit. Vielleicht wissen Sie nicht genau, was von Ihnen erwartet wird. Oder Sie haben Respekt vor der Verantwortung für andere Menschen, ein Budget oder ein Ergebnis, für das Sie bisher nicht geradestanden haben.
Versuchen Sie, Ihre Unsicherheit genauer einzuordnen:
- Fehlende Fähigkeit: Eine konkrete Aufgabe können Sie noch nicht ausführen.
- Fehlende Erfahrung: Sie beherrschen eine Fähigkeit, haben sie aber noch nicht in einem vergleichbaren Umfang eingesetzt.
- Unklare Erwartungen: Sie wissen nicht genau, woran Erfolg gemessen wird.
- Schwerwiegende Folgen eines Fehlers: Eine Entscheidung könnte andere Menschen oder einen großen Teil des Projekts betreffen.
- Innere Unsicherheit: Die Rahmenbedingungen sind grundsätzlich zu bewältigen, aber die neue Rolle fühlt sich ungewohnt und deshalb unangenehm an.
Wenn Sie das Problem genauer benennen, erkennen Sie leichter, ob Sie es durch Vorbereitung angehen können oder ob es tatsächlich ein guter Grund ist, die Gelegenheit abzulehnen.
Eine Herausforderung braucht Rückhalt
Eine Aufgabe kann anspruchsvoller sein als alles, was Sie bisher gemacht haben, und trotzdem zu Ihnen passen. Entscheidend ist, ob es Möglichkeiten gibt, dazuzulernen, Feedback zu bekommen und Fehler zu korrigieren.
| Entwicklungschance | Zu hohes Risiko |
|---|---|
| Ihnen fehlen einzelne Fähigkeiten, die Sie aber nachholen können | Wichtige Grundlagen fehlen und Unterstützung ist nicht verfügbar |
| Sie haben eine Ansprechperson für Rückfragen | Von Anfang an wird völlige Selbstständigkeit erwartet |
| Fehler können entdeckt und korrigiert werden | Ein einzelner Fehler könnte schwerwiegende und kaum umkehrbare Folgen haben |
| Die Erwartungen lassen sich klären | Die Rolle ist unklar und der Verantwortungsbereich sehr groß |
| Das Lerntempo ist realistisch | Sie müssten zu viele Dinge gleichzeitig nachholen |
Es kommt also nicht nur darauf an, ob Sie sich sicher fühlen. Wichtig ist, ob es ein Umfeld gibt, in dem Sie fehlende Kenntnisse sicher erwerben können.
Klären Sie, was Sie sofort können müssen und was Sie lernen können
Bei einer beruflichen Gelegenheit hilft es, die Anforderungen in drei Gruppen einzuteilen: Was Sie von Anfang an beherrschen müssen, welche Fähigkeiten Sie in den ersten Wochen aufbauen können und was eher ein Vorteil als eine Voraussetzung ist.
Wenn Sie zum Beispiel die Leitung eines kleineren Projekts übernehmen, müssen Sie vielleicht von Beginn an Termine kommunizieren und Aufgaben organisieren können. Sie müssen jedoch nicht jedes einzelne Werkzeug, das das Team verwendet, bereits perfekt beherrschen.
Eine hilfreiche Frage lautet: Wenn ich morgen mit dieser Aufgabe beginnen müsste, welche drei Dinge müsste ich sofort können, um kein Problem zu verursachen? Alles Weitere lässt sich oft in einen Lernplan aufnehmen.
Klären Sie die Erwartungen, bevor Sie Verantwortung übernehmen
Manchmal entsteht Unsicherheit nicht durch fehlende Fähigkeiten, sondern durch eine unklare Vorstellung davon, was die Rolle tatsächlich umfasst. Der Titel einer Position oder eines Projekts kann anspruchsvoller klingen, als die Aufgabe in Wirklichkeit ist – oder umgekehrt.
Klären Sie vor Ihrer Entscheidung deshalb folgende Fragen:
- Wofür bin ich persönlich verantwortlich?
- Welche Entscheidungen darf ich selbst treffen?
- Was wird im ersten Monat von mir erwartet?
- Wer gibt mir Feedback?
- Was passiert, wenn sich herausstellt, dass ich etwas noch nicht beherrsche?
Solche Fragen sind kein Zeichen von Schwäche. Sie helfen herauszufinden, ob das Unternehmen oder Team mit einer Lernphase rechnet – oder lediglich Verantwortung ohne angemessene Unterstützung weitergibt.
In einer Führungsrolle müssen Sie nicht alles am besten können
Eine Führungsposition kann den Eindruck erwecken, man müsse in jedem Bereich die erfahrenste Person sein. In der Praxis ist es jedoch oft wichtiger, Menschen zu koordinieren, Informationen einzuholen, mit Unsicherheit umzugehen und einzuräumen, wenn man fachlichen Rat braucht.
Wenn Sie über Ihre erste Führungserfahrung nachdenken, achten Sie besonders darauf,
- ob Sie Verantwortung für Entscheidungen übernehmen können,
- ob Sie offen über Unsicherheiten sprechen können,
- ob Sie um Hilfe bitten können, ohne die gesamte Aufgabe anderen zu überlassen,
- ob Sie Gelegenheit haben, aus kleineren Fehlern zu lernen.
Sind diese Voraussetzungen gegeben, müssen Sie möglicherweise nicht warten, bis Sie sich vollkommen bereit fühlen. Dieses Gefühl stellt sich womöglich auch in den nächsten Monaten nicht ein.
Suchen Sie nach einer kleineren Variante der großen Chance
Bei einer Entscheidung geht es nicht immer nur darum, etwas anzunehmen oder abzulehnen. Manchmal lässt sich eine große Gelegenheit in einen kleineren Schritt aufteilen.
Bei einer Führungsposition könnten Sie zunächst ein einzelnes Projekt leiten. Bei einer anspruchsvollen Aufgabe könnten Sie um die Unterstützung einer erfahreneren Kollegin oder eines erfahreneren Kollegen bitten. Bei einem Jobangebot lässt sich vielleicht eine Probephase mit klaren Zielen vereinbaren.
Eine kleinere Variante der Gelegenheit gibt Ihnen die Möglichkeit, mehr über sich selbst und die Arbeit herauszufinden. Gleichzeitig verringert sie die Kosten eines Fehlers, falls sich die Rolle als unpassend erweist.
Bewerten Sie auch, was Sie gewinnen können
Manche Gelegenheiten sind mit Unsicherheit verbunden, bieten aber Erfahrungen, die Sie anderswo nur sehr langsam sammeln würden. Achten Sie bei Ihrer Entscheidung deshalb nicht nur darauf, was schiefgehen könnte.
Berücksichtigen Sie auch:
- Neue Fähigkeiten: Was lernen Sie selbst dann, wenn das Projekt nicht perfekt läuft?
- Kontakte: Mit welchen Menschen werden Sie zusammenarbeiten?
- Sichtbarkeit Ihrer Arbeit: Entsteht ein Ergebnis, das Sie später zeigen können?
- Neue Erkenntnisse über sich selbst: Finden Sie heraus, welche Art von Arbeit Ihnen liegt?
- Künftige Möglichkeiten: Kann diese Erfahrung weitere Wege eröffnen?
Diese Perspektive ist besonders hilfreich, wenn Sie zwischen einer sichereren und einer entwicklungsorientierteren Möglichkeit wählen.
Das Gehalt ist nicht alles, sollte aber berücksichtigt werden
Wenn Sie zwischen zwei beruflichen Möglichkeiten wählen, bietet vielleicht die eine ein höheres Einkommen und die andere mehr Sinn, Lernmöglichkeiten oder Flexibilität. Sie müssen nicht so tun, als spiele Geld keine Rolle. Es muss aber auch nicht das einzige Kriterium sein.
Vergleichen Sie zum Beispiel:
- finanzielle Stabilität,
- Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten,
- die Übereinstimmung mit Ihren Werten,
- das Arbeitsumfeld,
- den Grad der Selbstständigkeit,
- die Auswirkungen der Arbeit auf Ihr Privatleben.
Wenn eine Möglichkeit in den meisten Punkten passt, aber bei einem wichtigen Kriterium Schwächen hat, muss das nicht automatisch gegen sie sprechen. Manchmal lohnt es sich, über die Bedingungen zu verhandeln oder nach einer dritten Möglichkeit zu suchen.
Lassen Sie sich nicht allein davon leiten, wo Sie vermeintlich stehen sollten
Zwischen 18 und 25 vergleicht man leicht Jobtitel, Gehälter und das Tempo beruflicher Aufstiege. Dabei werden jedoch oft Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen, Branchen und Startbedingungen miteinander verglichen.
Für die Entscheidung über den nächsten Schritt ist es hilfreicher, die eigene Richtung im Blick zu behalten. Fragen Sie sich, ob die neue Gelegenheit Erfahrungen ergänzt, die Sie auch in ein paar Jahren noch haben möchten – oder ob Sie lediglich einem Jobtitel hinterherlaufen, der nach außen gut aussieht.
Planen Sie die ersten Wochen
Wenn Sie sich entscheiden, die Gelegenheit anzunehmen, kann ein konkreter Lernplan die Unsicherheit verringern. Er muss nicht lang sein.
- Bestimmen Sie die drei größten Lücken: Was müssen Sie zuerst nachholen?
- Finden Sie eine Anlaufstelle: eine Kollegin oder einen Kollegen, eine Mentorin oder einen Mentor, Dokumentation oder einen Kurs.
- Vereinbaren Sie einen ersten Austausch: Wann bekommen Sie zum ersten Mal Feedback?
- Achten Sie auf kritische Fehler: Wo dürfen Sie nicht ohne Kontrolle experimentieren?
- Werten Sie den ersten Monat aus: Was können Sie schon selbstständig und wo brauchen Sie weiterhin Unterstützung?
So wird die Gelegenheit nicht zu einem Sprung ins völlige Unbekannte, sondern zu einer Reihe konkreter Schritte.
Ein einfacher Entscheidungsrahmen für anspruchsvolle Chancen
Gehen Sie vor Ihrer Entscheidung diese sechs Fragen durch:
- Was fehlt mir konkret? Eine Fähigkeit, Erfahrung, Information oder Sicherheit?
- Lässt sich die Lücke in angemessener Zeit schließen?
- Welche Unterstützung werde ich bekommen?
- Welche Folgen hätte ein Fehler?
- Was kann ich gewinnen, selbst wenn die Erfahrung nicht ideal verläuft?
- Lässt sich die Gelegenheit verkleinern oder anpassen?
Deuten die Antworten auf eine überschaubare Lücke, verfügbare Unterstützung und angemessene Folgen eines Fehlers hin, muss Unsicherheit kein Grund sein, abzulehnen. Fehlen dagegen wichtige Grundlagen, wird sofortige Selbstständigkeit erwartet und hätte ein Fehler schwerwiegende Folgen, ist es möglicherweise sinnvoller, zunächst Erfahrung aufzubauen oder einen kleineren Verantwortungsbereich auszuhandeln.
Berufliches Wachstum entsteht weder dadurch, dass man ständig Risiken eingeht, noch dadurch, dass man auf völlige Sicherheit wartet. Es entsteht, wenn Sie eine Gelegenheit erkennen, bei der Sie den nächsten Schritt wagen können, ohne die Grenze dessen zu überschreiten, wofür Sie derzeit noch nicht sicher Verantwortung übernehmen können.