In einer Besprechung sagt jemand nichts, obwohl er sich sonst regelmäßig an der Diskussion beteiligt. Ein Freund meint, es gehe ihm gut, wirkt aber niedergeschlagen. Eine Kollegin kommt bei einer gemeinsamen Aufgabe nicht weiter und fragt offenbar ungern nach. Sie bemerken das und möchten helfen. Doch eine gute Absicht allein sagt noch nicht, wie die Hilfe aussehen sollte.
Einen Menschen wahrzunehmen heißt nicht, seine Gefühle zu kennen
Wenn sich jemand abseits setzt, kann er traurig oder müde sein, nachdenken oder einfach die Ruhe bevorzugen. Eine stille Person in einer Besprechung hat nicht unbedingt Angst, etwas zu sagen. Vielleicht hört sie gerade zu oder hat nichts hinzuzufügen. Was Sie beobachten, erklärt nicht automatisch die Ursache.
Es hilft, drei Ebenen auseinanderzuhalten. Eine Beobachtung wäre zum Beispiel: „Heute haben Sie sich nicht am Gespräch beteiligt.“ Eine Vermutung: „Vielleicht beschäftigt Sie etwas.“ Eine Klärung ist eine kurze, offene Frage, die dem anderen Raum lässt, selbst zu sagen, wie es ihm geht. Wenn die Person nichts erklären möchte, gibt Ihnen die Nachfrage keinen Anspruch auf weitere Antworten.
Seien Sie auch vorsichtig, wenn Sie Gefühle benennen. „Ich weiß, dass Sie unglücklich sind“ kann so klingen, als würden Sie für die andere Person entscheiden. „Sie wirken heute stiller als sonst. Gibt es etwas, wobei ich Sie unterstützen kann?“ lässt auch die Antwort zu, dass nichts Ernstes dahintersteckt.
Prüfen Sie vor dem Ansprechen drei Dinge
Nicht jede wahrgenommene Unsicherheit erfordert ein Eingreifen. Stellen Sie sich vorher am besten drei Fragen:
- Was passiert tatsächlich? Gibt es ein konkretes Problem, etwa dass jemand bei einer Aufgabe nicht weiterkommt, oder deuten Sie lediglich den Gesichtsausdruck?
- Welcher Rahmen ist passend? Können Sie unter vier Augen sprechen, oder würde eine öffentliche Frage die Aufmerksamkeit der ganzen Gruppe auf die Person lenken?
- Muss sofort gehandelt werden? Bei gewöhnlicher Unsicherheit können Sie abwarten. Bei Demütigung, Gefahr oder einem schwerwiegenden Fehler mit möglichen Folgen kann Zögern unangemessen sein.
Die dritte Frage verhindert, dass Rücksicht auf die Privatsphäre zu Gleichgültigkeit wird. Diskretion bedeutet nicht, immer zu schweigen. Sie bedeutet, den kleinstmöglichen wirksamen Schritt zu wählen, den die Situation zulässt.
Ein Hilfsangebot sollte auch ein Nein ermöglichen
Ein gutes Angebot ist kurz, konkret und verlangt keine Erklärung. Statt „Sie müssen mir sagen, was los ist“ können Sie sagen: „Wenn Sie darüber sprechen möchten, höre ich Ihnen gern zu.“ Bevor Sie ungefragt Ratschläge geben, fragen Sie, ob praktische Unterstützung hilfreich wäre.
Hilfreich sind Formulierungen, die nicht wie eine Prüfung der Fähigkeiten oder Offenheit klingen:
- Bei Unsicherheit: „Wenn es Ihnen helfen würde, den Ablauf gemeinsam durchzugehen, können wir uns das zusammen ansehen.“
- Bei Niedergeschlagenheit: „Mir ist aufgefallen, dass Sie heute nicht besonders gut drauf sind. Sie müssen nichts erklären, aber ich bin da, wenn Sie möchten.“
- Wenn jemand in einer Gruppe schweigt: „Wenn Sie später noch etwas ergänzen möchten, höre ich Ihre Einschätzung gern.“
- Bei Sorge vor einem Fehler: „Darf ich Sie auf eine Sache hinweisen, die Sie vielleicht noch einmal überprüfen sollten?“
In jedem Beispiel bleibt die Entscheidung bei der anderen Person. Stimmt sie zu, können Sie nachfragen. Lehnt sie ab, müssen Sie weder gekränkt sein noch das Angebot in verschiedenen Varianten wiederholen. Hilfe ist nicht mehr freiwillig, wenn jemand sie immer wieder ablehnen muss.
Je nach Situation braucht es eine andere Reaktion
Verlassen Sie sich nicht auf einen einzigen Satz, der angeblich immer passt. Entscheidend ist vor allem, ob die andere Person Privatsphäre, Freiraum oder Schutz vor dem Verhalten anderer braucht.
| Situation | Ein geeigneter erster Schritt | Das sollten Sie vermeiden |
|---|---|---|
| Jemand ist still und hält sich abseits | Unaufdringlich Kontakt aufnehmen und eine unverbindliche Einladung aussprechen | Vor anderen fragen, warum die Person allein ist |
| Jemand hat Schwierigkeiten, eine gemeinsame Aufgabe zu verstehen | Diskret anbieten, einen konkreten Arbeitsschritt gemeinsam anzusehen | Die Person vor der Gruppe auf ihr fehlendes Wissen hinweisen |
| Jemand sagt, es gehe ihm gut, wirkt aber niedergeschlagen | Einmal behutsam ein Gespräch anbieten und die Antwort respektieren | Wiederholt nachfragen oder über Bekannte Erkundigungen einholen |
| Andere machen sich offen über jemanden lustig | Das unangemessene Verhalten ruhig unterbrechen | Abwarten, ob sich die betroffene Person selbst wehren kann |
| Jemand hat einen Fehler gemacht, der Folgen haben könnte | Rechtzeitig sachlich und respektvoll darauf hinweisen | Den Fehler aus falsch verstandener Rücksicht verschweigen |
Wenn die andere Person sagt, es sei alles in Ordnung
Manchmal erhalten Sie eine kurze Antwort, die Sie nicht überzeugt. Vielleicht möchte die Person ihre Privatsphäre wahren, vertraut Ihnen nicht genug, ist müde oder meint tatsächlich, dass kein Gespräch nötig ist. Aus einem Satz lässt sich nicht zuverlässig schließen, was davon zutrifft.
In einer gewöhnlichen Situation reicht eine Antwort wie: „Verstehe. Wenn Sie etwas brauchen, können Sie sich gern melden.“ Machen Sie anschließend normal weiter. Mach aus der Ablehnung keine zusätzliche Schwierigkeit. Ziehen Sie sich nicht gekränkt zurück, erwarten Sie keinen Dank und bringen Sie das Thema nicht bei jeder Begegnung wieder zur Sprache.
Diskretion bei Unsicherheit und Fehlern schützt die Würde
Sie könnten sagen: „Dieser Teil der Aufgabe ist ziemlich unklar. Lassen Sie uns prüfen, wie wir ihn verstehen.“ So sprechen Sie ein Problem bei der Arbeit an, nicht eine vermeintliche Schwäche der Person. Wenn Sie einen konkreten Fehler sehen, benennen Sie ihn sachlich: „Bei dieser Berechnung stimmen zwei Werte nicht. Sollen wir sie gemeinsam überprüfen?“
Wichtig ist auch der Unterschied zwischen Hilfe und dem Übernehmen der Kontrolle. Wenn Sie ohne Zustimmung alles für die andere Person korrigieren, nehmen Sie ihr möglicherweise die Gelegenheit, den Ablauf zu verstehen oder den Fehler selbst zu beheben. Manchmal ist es besser, einen Schritt zu erklären, eine Überprüfung des Ergebnisses anzubieten und die Person die Aufgabe selbst abschließen zu lassen.
Diskretion darf jedoch kein Grund sein, einen gefährlichen oder schwerwiegenden Fehler zu verschweigen. Muss eine verantwortliche Person informiert werden, tun Sie das sachlich und nur im nötigen Umfang. Menschen über ein Problem zu informieren, die nichts damit zu tun haben, ist kein Zeichen von Einfühlungsvermögen.
Wann es besser ist, vor anderen etwas zu sagen
Manche Situationen lassen sich nicht allein in einem vertraulichen Gespräch lösen. Wenn eine Gruppe jemanden verspottet, kann anhaltendes Schweigen wie stillschweigende Zustimmung wirken. Sie müssen die betroffene Person dabei nicht auffordern, vor allen zuzugeben, dass sie das Verhalten verletzt hat.
Eine angemessene Reaktion kann einfach sein: „Das geht zu weit. Lassen Sie uns ohne persönliche Bemerkungen weiterreden.“ Oder: „Bewerten wir nicht die Person, sondern bleiben wir beim Thema.“ Die Aussage sollte das Verhalten stoppen, nicht die Gefühle der Person, die Sie unterstützen möchten, öffentlich beschreiben.
Nach der Situation können Sie die betroffene Person unter vier Augen ansprechen: „Es tut mir leid, was dort passiert ist. Möchten Sie darüber reden oder etwas unternehmen?“ Sagen Sie nicht stellvertretend, dass alles geklärt sei. Bei wiederholten Demütigungen oder Mobbing kann es nötig sein, eine Person einzubeziehen, die befugt ist, die Situation zu klären.
Klären Sie im Gespräch zuerst, welche Hilfe gefragt ist
Wenn sich Ihnen jemand endlich anvertraut, ist die Versuchung groß, sofort Lösungen vorzuschlagen. Vielleicht möchte die Person aber erst erzählen, was passiert ist, oder einfach ihre Gedanken ordnen. Fragen Sie zum Beispiel: „Möchten Sie, dass ich erst einmal zuhöre, oder sollen wir gemeinsam nach einer Lösung suchen?“
Wenn die Person reden möchte, lassen Sie sie aussprechen und machen Sie das Gespräch nicht zu einer Reihe von Fragen. Um sicherzugehen, dass Sie sie richtig verstanden haben, können Sie kurz zusammenfassen: „Verstehe ich richtig, dass Sie vor allem die Art belastet, wie es mitgeteilt wurde?“ Stellen Sie nicht automatisch eigene Erlebnisse, Vergleiche oder Bewertungen darüber gegenüber, wer sich schlechter verhalten hat.
Wenn die Person um Rat bittet, fragen Sie zunächst, was sie bereits überlegt hat. Konkrete Unterstützung kann darin bestehen, gemeinsam Möglichkeiten aufzuschreiben, sie zu einem schwierigen Gespräch zu begleiten oder einen praktischen Schritt zu prüfen. Sie müssen nicht für sie entscheiden. Verständnis bedeutet nicht, jede Entscheidung der anderen Person gutzuheißen.
Beispiel aus einer gemeinsamen Aufgabe
Stellen Sie sich folgende Situation vor: In einer Besprechung sagt eine Kollegin nichts, während die Aufgaben verteilt werden. Nach dem Termin bleibt sie am Computer sitzen und sieht sich die Aufgabenbeschreibung lange an. Sie vermuten, dass sie etwas nicht verstanden hat, wissen es aber nicht sicher.
Statt vor dem ganzen Team nachzufragen, sprechen Sie sie unter vier Augen an: „Die Aufgabenbeschreibung war an einigen Stellen unklar. Möchten Sie gemeinsam durchgehen, was zuerst erledigt werden soll?“ Die Kollegin antwortet, dass sie den Ablauf kennt und nur Zeit braucht, die Unterlagen zu prüfen. Sie akzeptieren ihre Erklärung und bieten an, das Ergebnis später mit ihr durchzusehen, falls das hilfreich wäre.
Was fürsorglich wirken kann, aber nicht hilft
Auch wer aufmerksam ist, kann bei dem Versuch, jemanden zu unterstützen, einen Schritt wählen, der die Situation erschwert. Achten Sie besonders auf diese Fehler:
- Über Bekannte nachfragen: Der Versuch, herauszufinden, was mit jemandem los ist, kann private Informationen ohne Zustimmung weiterverbreiten.
- Öffentliches Retten: Eine große Geste kann ungewollt die Aufmerksamkeit auf jemanden lenken, der lieber im Hintergrund bleiben möchte.
- Jemanden zum Aufmuntern drängen: Humor oder ein Themenwechsel können den Eindruck erwecken, dass Sie unangenehme Gefühle nicht hören möchten.
- Ungefragte Ratschläge: Schnelle Lösungen können an dem Problem vorbeigehen, das die Person gerade erst zu benennen versucht.
- Völlige Passivität: Die Privatsphäre zu respektieren ist keine passende Reaktion, wenn jemandem Schaden droht oder eine Gruppe die Person wiederholt demütigt.
Fünf Schritte für die nächste ähnliche Situation
Wenn Sie aufmerksam sein möchten, ohne andere mit Ihrer Sorge zu bedrängen, probieren Sie bei der nächsten passenden Gelegenheit dieses Vorgehen aus:
- Benennen Sie die Tatsache: Mir ist Schweigen, Zögern oder ein konkreter Fehler aufgefallen. Die Ursache kenne ich noch nicht.
- Wählen Sie den passenden Rahmen: Wenn ein Verhalten nicht vor der Gruppe gestoppt werden muss, sprechen Sie die Person möglichst unter vier Augen an.
- Bieten Sie eine Möglichkeit an: ein kurzes Gespräch, Hilfe bei einem Arbeitsschritt oder Zeit ohne weitere Fragen.
- Respektieren Sie die Antwort: Eine Zustimmung berechtigt Sie nicht, die Kontrolle zu übernehmen; eine Ablehnung erfordert keine weitere Überredung.
- Prüfen Sie die Wirkung: Hat Ihre Reaktion die Würde der Person und ihre Möglichkeit, selbst zu entscheiden, gewahrt?
Hilfe muss nicht mit einem großen Gespräch beginnen
Wenn Ihnen bei der nächsten Begegnung jemand unsicher vorkommt oder sich abseits hält, können Sie ein kleines, unverbindliches Angebot machen. Achten Sie danach vor allem auf die Antwort und nicht darauf, wie die Person Ihrer Meinung nach reagieren sollte. Einfühlungsvermögen zeigt sich auch darin, dem anderen zu überlassen, welche Form der Hilfe passt.