Sie unterhalten sich mit jemandem, den Sie gerade kennengelernt haben. Sie möchten freundlich wirken, fühlen sich bei längerem Blickkontakt aber unwohl. Wenn Sie den Blick abwenden, fragen Sie sich vielleicht, ob Sie desinteressiert erscheinen. Gute Kommunikation hängt jedoch nicht davon ab, wie lange Sie jemandem in die Augen sehen können.
Interesse zeigt sich auch darin, wie Sie auf Gesagtes eingehen, dem Gegenüber Raum lassen und das Tempo des Gesprächs mitgestalten. Entscheidend ist, dass das Gespräch für die andere Person verständlich und für Sie selbst natürlich bleibt.
Blickkontakt ist ein Signal, keine Prüfung der Aufmerksamkeit
Blickkontakt kann Aufmerksamkeit oder Interesse vermitteln. Für sich genommen sagt er jedoch nicht, was jemand empfindet oder ob die Person wirklich versteht, was sie hört. Manche schauen beim Nachdenken zur Seite, andere auf den Mund ihres Gegenübers, und wieder andere fühlen sich bei einem langen, direkten Blick unwohl. Auch das Umfeld und soziale Gewohnheiten spielen eine Rolle.
Umgekehrt bedeutet ein ununterbrochener Blick nicht automatisch, dass jemand aufmerksam zuhört. Vielleicht überlegt die Person gerade, was sie antworten soll, oder bemüht sich lediglich, höflich zu wirken. Hilfreicher ist es daher, auf den Zusammenhang zwischen dem Gesagten, den Reaktionen und dem Raum zu achten, den Ihnen Ihr Gegenüber lässt.
Wenn Ihnen Blickkontakt unangenehm ist, müssen Sie sich nicht zwischen starrem Hinsehen und komplettem Abwenden entscheiden. Sie können das Gesicht Ihres Gegenübers ansehen, dann den Gegenstand, über den Sie sprechen, und anschließend wieder zur Person schauen. Ein für alle gleichermaßen richtiger Zeitanteil existiert nicht.
Fünf Möglichkeiten, aufmerksam zuzuhören
Sie können auf verschiedene Weise zeigen, dass Sie aufmerksam sind. Wählen Sie die Reaktionen, die zu Ihnen passen und nicht einstudiert wirken.
- Gehen Sie auf den konkreten Inhalt ein. Statt unbestimmt zu nicken, können Sie sagen: „Am schwierigsten war also, dass der Plan sich kurzfristig geändert hat.“ Ihr Gegenüber kann Sie dann korrigieren.
- Lassen Sie den Gedanken zu Ende führen. Eine kurze Pause ist nicht unbedingt eine Aufforderung, sofort selbst zu sprechen. Gerade bei einem sensiblen Thema kann sie hilfreich sein.
- Lassen Sie Raum für das Gespräch. Wenn es sich gut anfühlt, können Sie Ihren Körper der Person zuwenden. Näher heranzurücken ist dafür nicht nötig.
- Reagieren Sie kurz und natürlich. Ein „Verstehe“, „Und was ist dann passiert?“ oder ein passendes Nicken kann das Gespräch unterstützen. Verwenden Sie solche Reaktionen nicht mechanisch.
- Vermeiden Sie unnötige Ablenkung. Wenn es nicht sein muss, kontrollieren Sie während eines wichtigen Gesprächs nicht Ihr Handy.
Diese Verhaltensweisen haben eines gemeinsam: Sie zeigen dem Gegenüber, dass seine Worte bei Ihnen eine Reaktion auslösen. Dafür müssen Sie den Blick nicht ununterbrochen auf die Person richten. Interesse muss sich nicht durch körperliche Nähe beweisen.
Wenn Ihnen der direkte Blick des Gegenübers unangenehm ist
Manche Menschen halten beim Gespräch länger Blickkontakt, als Ihnen angenehm ist. Wenn Sie versuchen, das auszuhalten, kann Ihre Aufmerksamkeit vom Gespräch abwandern. Sie dürfen die Art des Kontakts anpassen, ohne Ihre Gefühle ausführlich erklären zu müssen.
Wenden Sie den Blick beim Nachdenken oder beim Zeigen auf den besprochenen Gegenstand auf natürliche Weise ab. Sitzen Sie einander gegenüber und fühlen Sie sich unwohl, kann es helfen, den Stuhl leicht zu drehen.
Bei einem längeren Treffen können Sie eine Sitzordnung wählen, bei der Sie nicht direkt gegenüber sitzen, etwa wenn Sie gemeinsam auf ein Dokument schauen oder spazieren gehen. So können Sie sich auf einen gemeinsamen Gegenstand konzentrieren und sich trotzdem unterhalten.
Wenn die Situation vertraut genug ist, können Sie es auch direkt ansprechen: „Ich kann besser nachdenken, wenn ich ab und zu zur Seite schaue. Ich höre Ihnen zu.“ So verhindern Sie den Eindruck, das Gespräch zu ignorieren.
Wenn Ihr Gegenüber den Blick abwendet
Bei einer neuen Bekanntschaft kann der Eindruck entstehen, dass Sie langweilen, wenn die Person nicht in Ihre Richtung schaut. Das ist jedoch nur eine von mehreren möglichen Erklärungen. Vielleicht denkt sie über ihre Antwort nach oder nimmt ihre Umgebung wahr. Ändern Sie weder den Inhalt noch das Tempo des Gesprächs nur wegen eines einzelnen, mehrdeutigen Signals.
Achten Sie zunächst darauf, ob die andere Person auf Ihre Fragen eingeht, das Thema aufgreift und Gelegenheit hat, ihre eigene Meinung zu äußern. Wenn ja, müssen Sie den Blick nicht weiter zum Thema machen. Antwortet sie dagegen nur einsilbig, wirkt abgelenkt oder wendet sich wiederholt ab, können Sie die praktische Situation klären: „Passt es gerade?“ oder „Möchten Sie später weitersprechen?“
Vermeiden Sie Sätze wie „Schauen Sie mich an, wenn ich mit Ihnen spreche“, sofern es dafür keinen besonderen praktischen Grund gibt. Eine solche Forderung kann Druck erzeugen, ohne verlässlich Auskunft über das Interesse der anderen Person zu geben.
Passen Sie Ihr Verhalten an die jeweilige Situation an
Dasselbe Verhalten kann je nach Situation unterschiedlich wirken. Bei wichtigen Informationen ist es sinnvoller, das Verständnis zu überprüfen, als bei einem unverbindlichen Gespräch. Wählen Sie Ihre Art, Aufmerksamkeit zu zeigen, deshalb passend zum Zweck des Gesprächs.
| Situation | Was Sie vermeiden sollten | Was Sie versuchen können |
|---|---|---|
| Erstes Kennenlernen | Erzwungenen, langen Blickkontakt und vorschnelle Urteile | Eine kurze Begrüßung, eine entspannte Haltung und eine Frage zu einem gemeinsamen Thema |
| Jemand schildert ein Problem | Ständig zu nicken, ohne sicherzugehen, dass Sie verstanden haben | Eine kurze Zusammenfassung und die Frage, ob die Person Rat oder einfach ein offenes Ohr möchte |
| Berufliche Vereinbarung | Ein Lächeln als Beweis für Zustimmung zu nehmen | Mit Worten festzuhalten, wer den nächsten Schritt übernimmt und bis wann |
| Gespräch in lauter Umgebung | Näher zu rücken, ohne den persönlichen Abstand zu berücksichtigen | An einen ruhigeren Ort zu gehen oder um Wiederholung zu bitten |
| Das Gegenüber schaut aufs Handy | Sofort Desinteresse zu unterstellen | Zu fragen, ob etwas Dringendes anliegt und ein anderer Zeitpunkt besser wäre |
Die Tabelle ist kein allgemeingültiger Benimmkodex, sondern eine Entscheidungshilfe. Achten Sie darauf, ob eine Reaktion das gegenseitige Verständnis verbessert – nicht nur darauf, Gesten zu kontrollieren.
Ein Beispielszenario beim Kennenlernen neuer Menschen
Stellen Sie sich folgende Situation vor: Bei einem Treffen eines örtlichen Vereins lernen Sie jemanden kennen, der ruhig spricht, bei Ihren Fragen aber häufig zum Fenster schaut. Sie beginnen schneller zu reden und überhören dabei die Antworten.
Eine andere Vorgehensweise könnte so aussehen: Sie verlangsamen Ihr eigenes Tempo und fragen nach etwas Konkretem, das die Person gerade erwähnt hat: „Sie sagten, Sie bereiten eine gemeinsame Veranstaltung vor. Wofür sind Sie dabei zuständig?“ Konzentrieren Sie sich bei der Antwort auf die Worte.
Nach einigen Sätzen kommt das Gespräch ganz natürlich auf das Veranstaltungsprogramm, das vor Ihnen beiden liegt. Sie schauen darauf statt aufeinander. Wenn die andere Person selbst eine Frage stellt, entwickelt sich das Gespräch sinnvoll weiter, auch ohne langen Blickkontakt.
Antwortet sie dagegen sehr knapp und schaut immer wieder zur Tür, können Sie sagen: „Ich möchte Sie nicht aufhalten. Haben Sie noch einen Moment?“ So kann die Person das Gespräch höflich beenden. Höflichkeit bedeutet auch, dem anderen Raum zum Gehen zu lassen.
Auch Abstand, Stimme und Gesten vermitteln Aufmerksamkeit
Blickkontakt wirkt nie für sich allein. Wenn Sie sehr leise sprechen und die andere Person Sie nicht versteht, kann es entgegenkommender sein, die Stimme etwas anzuheben, statt länger in die Augen zu schauen. Gestikulieren Sie beim Erklären ausladend, achten Sie darauf, genug Platz zu haben, damit Sie niemanden versehentlich berühren.
Manche berühren beim Lachen gern die Schulter einer vertrauten Person, andere empfinden das als unangenehm. Werten Sie eine Berührung nicht automatisch als Zeichen von Nähe und fühlen Sie sich nicht verpflichtet, sie zu erwidern. Wenn Sie unsicher sind, ist es sicherer, einen angemessenen Abstand zu wahren und sich an der verbalen Verständigung zu orientieren, statt aus einem Lächeln Zustimmung abzuleiten.
Sie müssen Ihre eigene Energie nicht steigern, nur weil jemand lebhaft gestikuliert. Wenn Sie ruhig und beim Thema bleiben, muss ein unterschiedlicher Stil die Kommunikation nicht beeinträchtigen. Niemand muss den Stil des anderen übernehmen.
Wann es besser ist, Dinge direkt anzusprechen
Nonverbale Signale können ein Gespräch ergänzen, aber nicht jede Unklarheit beseitigen. Bei einer Vereinbarung oder wenn Sie sich unwohl fühlen, ist ein kurzer Satz hilfreicher, als die Absichten des anderen zu erraten.
Diese Formulierungen können Ihnen dabei helfen:
- Wenn Ihnen Blickkontakt unangenehm ist: „Beim Nachdenken schaue ich manchmal zur Seite, aber ich höre Ihnen zu.“
- Wenn Sie die Umgebung ablenkt: „Hier ist es ziemlich laut. Wollen wir ein Stück weitergehen?“
- Wenn Sie nicht wissen, ob die Person Zeit hat: „Passt es Ihnen gerade, oder sollen wir uns ein anderes Mal verabreden?“
- Wenn das Thema wichtig ist: „Ich möchte nur kurz sicherstellen, dass wir dasselbe vereinbart haben.“
- Wenn Sie mehr Abstand brauchen: „Es wäre mir lieber, wenn wir etwas weiter auseinander stehen.“
Diese Sätze bewerten keine Absichten. Sie beschreiben ein Bedürfnis und bieten eine Lösung an.
Wenn jeder auf andere Weise Kontakt aufnimmt
Nicht alle Menschen sehen, erleben oder nutzen Blickkontakt auf dieselbe Weise. Für manche erleichtert er die Konzentration, für andere erschwert er sie. Bei unterschiedlichen Sehfähigkeiten ist der Blick möglicherweise überhaupt kein brauchbares Signal. Auch soziale Gewohnheiten unterscheiden sich. Leiten Sie aus einem einzelnen Verhalten deshalb weder eine Charaktereigenschaft noch eine gesundheitliche Schlussfolgerung ab.
Wenn Ihnen eine gute Verständigung wichtig ist, können Sie nach einer Weile nach einer praktischen Vorliebe fragen: „Unterhalten Sie sich lieber beim Spazierengehen, oder möchten Sie sich lieber hinsetzen?“ Das ist respektvoller, als eine bestimmte Art des Blickkontakts einzufordern.
Nicht jede Situation lässt sich durch Anpassung lösen. Wenn jemand Ihre ausdrückliche Bitte um Abstand wiederholt ignoriert, eine Ablehnung von Berührungen missachtet oder Sie absichtlich einschüchtert, geht es nicht mehr darum, unsichere Signale zu deuten. Dann sind klare Grenzen wichtig und – je nach Situation – auch das Beenden des Kontakts oder das Holen von Hilfe.
Ein kleiner Versuch beim nächsten Gespräch
Wählen Sie bei Ihrem nächsten alltäglichen Gespräch eine Sache, auf die Sie achten: Können Sie an den letzten wichtigen Satz Ihres Gegenübers anknüpfen, ohne die Dauer Ihres Blicks zu kontrollieren? Beobachten Sie, wie Sie auf den Inhalt reagieren.
Wenn es klappt, probieren Sie dieselbe Vorgehensweise auch in einer anderen Situation aus. Wenn nicht, finden Sie heraus, was Sie abgelenkt hat: Lärm, Müdigkeit, ein zu schnelles Tempo oder das Gefühl, auf eine bestimmte Weise wirken zu müssen. Passen Sie die Gesprächsbedingungen entsprechend an – nicht unbedingt Ihre Persönlichkeit. Ein gutes Ergebnis ist nicht perfekter Blickkontakt, sondern ein Moment, in dem zwei Menschen einander etwas besser verstehen.