Sie lernen seit vierzig Minuten. Beim Lesen Ihrer Notizen kommt Ihnen alles bekannt vor, doch sobald Sie sie beiseitelegen, können Sie eine einfache Frage nicht beantworten. Sollten Sie den Text noch einmal lesen, eine übersichtliche Zusammenfassung erstellen oder jemanden um eine Erklärung bitten? Wenn Sie die Ursache nicht erkennen, verbringen Sie womöglich eine weitere Stunde mit einer Methode, die Ihnen gerade nicht weiterhilft.
„Ich bekomme das nicht in den Kopf“ kann nämlich Verschiedenes bedeuten. Manchmal können Sie sich eine Information nicht ins Gedächtnis rufen, obwohl Sie sie verstehen. In anderen Fällen behalten Sie den genauen Wortlaut, können ihn aber nicht erklären. Oder Sie verstehen eine Regel, wissen jedoch nicht, wie Sie sie auf eine Aufgabe anwenden sollen. Jede dieser Situationen erfordert einen etwas anderen nächsten Schritt.
Finden Sie zuerst heraus, wo es beim Lernen hakt
Stellen Sie sich Lernen als einen Weg vor: vom ersten Kontakt mit einer Information bis zu ihrer selbstständigen Anwendung. Etwas auf einer Seite wiederzuerkennen bedeutet noch nicht, dass Sie sich ohne Hilfsmittel daran erinnern. Und eine Definition wiederholen zu können ist nicht immer dasselbe, wie ihre Bedeutung zu verstehen.
Unterscheiden Sie bei einem konkreten Thema deshalb zwischen vier möglichen Hürden:
- Abruf aus dem Gedächtnis: Sie verstehen den Stoff, wenn Sie ihn vor sich sehen, können ihn aber ohne Notizen nicht wiedergeben.
- Verständnis: Sie erinnern sich an Begriffe oder Sätze, können aber nicht erklären, wie sie zusammenhängen.
- Anwendung: Sie kennen die Erklärung, können bei einem neuen Beispiel aber nicht das passende Vorgehen auswählen.
- Orientierung: Einzelne Informationen sind verständlich, doch Sie verlieren den Überblick darüber, was zusammengehört und wichtig ist.
Diese Schwierigkeiten können sich überschneiden. Benennen Sie zunächst die deutlichste Hürde, bevor Sie Ihre Lernmethode ändern.
Machen Sie einen kurzen Test ohne Lehrbuch
Um eine Schwachstelle zu erkennen, brauchen Sie keinen vollständigen Probetest. Ein kleines Thema, ein leeres Blatt und ein paar Minuten reichen aus. Wichtig ist, zuerst ohne Nachschlagen zu antworten und die Antwort erst danach mit der Quelle zu vergleichen.
- Rufen Sie die wichtigsten Punkte ab: Schreiben Sie drei bis fünf Informationen auf, an die Sie sich erinnern.
- Erklären Sie einen Zusammenhang: Beschreiben Sie mit eigenen Worten, was einer der Begriffe bedeutet und wie er mit einem anderen zusammenhängt.
- Probieren Sie ein Beispiel aus: Lösen Sie eine neue Aufgabe, ordnen Sie eine Situation ein oder erklären Sie, wie Sie das Gelernte anwenden würden.
- Prüfen Sie die Quelle: Markieren Sie genau die Stelle, an der ein Fehler, eine Vermutung oder eine Wissenslücke aufgetreten ist.
Wenn Ihnen ein Begriff nicht einfällt, Sie ihn nach einem kurzen Hinweis aber richtig erklären können, liegt möglicherweise vor allem ein Abrufproblem vor. Wenn Sie den Namen kennen, die Bedeutung aber auch nach einem Hinweis unklar bleibt, sollten Sie eher Ihr Verständnis überprüfen. Eine einzige misslungene Antwort ist allerdings kein Beweis. Kontrollieren Sie das Ergebnis auch anhand eines zweiten Beispiels.
Wählen Sie den nächsten Schritt passend zum Fehlertyp
Die folgenden Situationen können sich während einer Lerneinheit abwechseln.
| Was passiert ist | Was Sie als Nächstes versuchen können | So überprüfen Sie den Fortschritt |
|---|---|---|
| Nach dem Schließen der Notizen fällt Ihnen nichts mehr ein | Kurzes Abrufen ohne Vorlage und späteres Wiederholen | Antworten, ohne in den Text zu schauen |
| Sie kennen einen Satz, aber nicht seine Bedeutung | Erklärung mit eigenen Worten und Analyse eines Beispiels | Den Begriff ohne die auswendig gelernte Formulierung erklären |
| Sie kennen die Definition, können die Aufgabe aber nicht lösen | Ein Beispiel mit Lösung ansehen und danach eine ähnliche Aufgabe selbst bearbeiten | Einen leicht veränderten Fall lösen |
| Sie verwechseln ähnliche Begriffe | Die Begriffe knapp vergleichen und ihre Beziehungen ordnen | Den Unterschied zwischen den Begriffen erklären können |
Wenn Sie sich nicht erinnern, lesen Sie nicht die ganze Zeit weiter
Wiederholtes Lesen kann ein Gefühl der Vertrautheit erzeugen. In einer Prüfung müssen Sie jedoch antworten, ohne den hervorgehobenen Satz vor sich zu haben. Deshalb ist es sinnvoll, Informationen aus dem Gedächtnis abzurufen, statt sie nur erneut wiederzuerkennen.
Formulieren Sie aus einem Absatz eine einfache Frage. Decken Sie Ihre Notizen ab, antworten Sie mündlich oder schriftlich und prüfen Sie anschließend, was gefehlt hat. Ist die Frage zu schwierig, beginnen Sie mit einem kleineren Teil oder geben Sie sich einen kurzen Hinweis. Den nächsten Versuch machen Sie dann wieder ohne Hilfe.
Kehren Sie später noch einmal zu der Frage zurück, nicht nur unmittelbar nach dem Lesen. Wenn Ihnen die Antwort beim nächsten Versuch erneut nicht einfällt, markieren Sie sie für die Wiederholung. Sie müssen nicht alle Informationen gleich oft üben: Mehr Zeit verdienen zunächst die Inhalte, die Sie noch nicht zuverlässig abrufen können.
Diese Vorgehensweise passt, wenn Sie die Bedeutung einer richtigen Antwort verstehen, sobald Sie sie sehen. Wenn Sie lediglich einen unverstandenen Satz aus dem Lehrbuch wiederholen, löst häufigeres Üben allein das Problem möglicherweise nicht.
Wenn Sie die Wörter kennen, suchen Sie nach der Bedeutung
Vielleicht können Sie eine Definition mühelos aufsagen, aber ihre Bedeutung nicht erklären. Dann reicht es nicht, die Formulierung weiter auswendig zu lernen.
Versuchen Sie, den Stoff so zu erklären, als würden Sie ihn jemandem näherbringen, der die Fachbegriffe nicht kennt. Wenn Sie ins Stocken geraten, wissen Sie genau, welchen Teil Sie noch klären müssen. Anschließend können Sie ein einfacheres Beispiel oder eine zweite Quelle heranziehen oder eine konkrete Frage an eine Lehrkraft oder eine mitlernende Person richten.
Eine gute Erklärung sollte mehr umfassen als Synonyme für die ursprüngliche Definition. Hilfreiche Fragen sind zum Beispiel: „Warum gilt das?“, „Was würde sich ändern, wenn eine Bedingung nicht erfüllt wäre?“ oder „Worin unterscheidet sich dieser Vorgang von einem ähnlichen?“
Wenn Sie die Regel verstehen, aber die Aufgabe nicht lösen können
In Mathematik, Sprachen, Naturwissenschaften und praktischen Fertigkeiten kann eine weitere Hürde auftreten: Sie kennen das Vorgehen aus einem Beispiel, können es in einer neuen Situation aber nicht selbst auswählen.
Zerlegen Sie ein gelöstes Beispiel in einzelne Schritte und fragen Sie sich bei jedem, warum genau dieser Schritt folgt. Versuchen Sie danach eine ähnliche Aufgabe mit einer veränderten Bedingung. Wenn das klappt, wählen Sie ein weiteres Beispiel, bei dem der Lösungsweg nicht sofort auf der Hand liegt.
Wenn Sie einen Fehler machen, schreiben Sie nicht einfach nur das richtige Ergebnis ab. Markieren Sie den entscheidenden Punkt: Haben Sie die falsche Regel gewählt, eine Bedingung übersehen oder den richtigen Lösungsweg nicht zu Ende geführt? Bereiten Sie abhängig von Ihrer Antwort ein weiteres Beispiel vor.
Wenn Sie die grundlegende Regel noch nicht verstanden haben, kann der direkte Sprung zu immer schwierigeren Aufgaben die Frustration verstärken. Klären Sie zuerst die konkrete Verständnislücke.
Wenn Begriffe durcheinandergeraten, bringen Sie Ordnung hinein
Umfangreiche Notizen können den Eindruck erwecken, dass Sie sich an gar nichts erinnern. Manchmal liegt das Problem aber nicht am Gedächtnis, sondern daran, dass ähnliche Begriffe und Einzelheiten nicht klar geordnet sind.
Beginnen Sie mit einer Frage: „Was ist das Hauptthema und welche drei oder vier Unterthemen gehören dazu?“ Ergänzen Sie unter jedem Unterthema nur die wichtigsten Begriffe. Schreiben Sie bei Begriffen, die Sie verwechseln, in einem Satz auf, worin sie sich unterscheiden.
Eine Mindmap, eine kleine Tabelle oder eine einfache Liste kann dafür gleichermaßen geeignet sein. Die Form der Notizen ist nicht das Ziel. Entscheidend ist, dass Sie die Struktur des Stoffes ohne Vorlage erklären und wichtige Zusammenhänge auseinanderhalten können.
Hüten Sie sich davor, Ihre Notizen nur aufzuhübschen. Wenn Sie die meiste Zeit mit farbigen Schaubildern verbringen, ohne eine Antwort selbst auszuprobieren, kann Ihr Heft perfekt aussehen, während Ihr Wissen unsicher bleibt.
Ein Beispiel aus der Prüfungsvorbereitung
Eine Studentin bereitet sich in Geschichte vor. Sie hat ein Kapitel über ein historisches Ereignis gelesen, kann bei einer Übungsfrage aber nur zwei Jahreszahlen und einige Namen nennen. Zunächst wollte sie das ganze Kapitel ein drittes Mal lesen.
Stattdessen stellt sie sich drei kleinere Aufgaben. Zuerst notiert sie die wichtigsten Ereignisse in der richtigen Reihenfolge, ohne nachzuschauen. Dabei merkt sie, dass sie eines ausgelassen hat, und versucht später, es erneut abzurufen. Danach erklärt sie Ursachen und Folgen mit eigenen Worten. Bei einem Zusammenhang kommt sie ins Stocken. Sie lässt ihn sich erklären und überprüft ihr Verständnis anhand eines weiteren Beispiels. Schließlich erhält sie eine kurze Frage zu einem Quellenauszug und soll einordnen, mit welchem Teil des Stoffes er zusammenhängt. Dafür muss sie ihr Wissen anwenden, nicht bloß wiederholen.
Das Ergebnis ist keine allgemeine Diagnose wie „Ich lerne schlecht“, sondern drei konkrete nächste Schritte: einen vergessenen Teil wiederholen, einen Zusammenhang klären und die Anwendung des Gelernten üben.
Halten Sie Fehler so fest, dass Sie daraus weiterlernen können
Sie brauchen nicht nach jedem Übungsversuch ein ausführliches Lerntagebuch zu führen. Drei Angaben reichen: Was ist nicht gelungen, woran lag es vermutlich und was versuchen Sie beim nächsten Mal? Der Eintrag „Ich kann das dritte Kapitel nicht“ ist weniger hilfreich als: „Ich verwechsle zwei Begriffe. Ich stelle sie gegenüber und erkläre den Unterschied morgen ohne Notizen.“
Markieren Sie nach dem nächsten Versuch, ob Sie die Antwort selbstständig geschafft haben. Wenn ja, können Sie ihr zunächst weniger Aufmerksamkeit widmen, sollten bei wichtigem Stoff aber später noch einmal darauf zurückkommen. Wenn nicht, prüfen Sie, ob derselbe Fehler wieder aufgetreten ist oder ein neuer hinzugekommen ist. So verwechseln Sie die investierte Lernzeit nicht mit dem, was Sie tatsächlich schon wissen.
Wann Sie die Lernbedingungen ändern und wann Sie um Hilfe bitten sollten
Nicht jede falsche Antwort bedeutet, dass die Lernmethode ungeeignet ist. Wenn Sie häufig unterbrochen werden, sehr müde sind oder sich nicht ausreichend konzentrieren können, verbessern Sie zunächst die Bedingungen. Sie können an einen ruhigeren Ort wechseln, die Aufgabe in kleinere Teile aufteilen oder nach einer Pause zurückkehren.
Wenn Sie denselben Zusammenhang trotz angemessener Bedingungen wiederholt nicht erklären können, ist weiteres Lesen für sich allein möglicherweise nicht die beste Nutzung Ihrer Zeit. Bitten Sie mit einer genau formulierten Frage um Hilfe. Statt „Ich verstehe das ganze Thema nicht“ könnten Sie sagen: „Die ersten beiden Schritte verstehe ich, aber ich weiß nicht, warum im dritten Schritt diese Regel verwendet wird.“
In einer Gruppe können Sie Erklärungen vergleichen. Versuchen Sie aber zunächst allein, Informationen aus dem Gedächtnis abzurufen. Wählen Sie Ihre Lernumgebung passend zur Aufgabe, nicht nach der Vorstellung eines festen „Lerntyps“.
Wenn die Zeit knapp ist, schließen Sie zuerst die wichtigsten Lücken
Vor einer Prüfung müssen Sie nicht jede Wissenslücke schließen. Ordnen Sie Ihre Fragen nach ihrer Wichtigkeit, danach, wie sehr weiteres Lernen auf ihnen aufbaut, und nach dem Ergebnis eines kurzen selbstständigen Versuchs.
Priorisieren Sie Themen, ohne die Sie nachfolgende Aufgaben nicht lösen können. Kümmern Sie sich anschließend um wichtige Fragen, die Sie noch nicht selbstständig beantworten können. Einzelheiten, die Sie bereits zuverlässig beherrschen, müssen Sie nicht lange erneut abschreiben. Wenn Unterlagen oder Prüfungsaufgaben unklar sind, klären Sie die Anforderungen, statt zu raten.
Wählen Sie für die nächste Lerneinheit ein schwierigeres Thema, eine kurze Übungsfrage und einen konkreten nächsten Schritt. Prüfen Sie erst danach, ob Sie mehr Wiederholungen, Erklärungen, Beispiele oder eine bessere Struktur brauchen. So richtet sich die nächste Lernstunde nach einem konkreten Problem, statt einfach nur mit dem Lesen weiterzumachen.