Ein Kind hat fünf Euro und entdeckt im Laden eine Süßigkeit, ein kleines Spielzeug und ein Heft zum Zeichnen. Die Frage „Was möchtest du kaufen?“ liegt nahe. Finanzielle Kompetenz beginnt jedoch mit dem nächsten Schritt: Das Kind lernt abzuwägen, was die einzelnen Möglichkeiten jetzt bringen, was später davon bleibt und worauf es mit seiner Entscheidung verzichtet.
Bei Kindern zwischen 7 und 9 Jahren muss aus einem gewöhnlichen Einkauf keine Wirtschaftslektion werden. Hilfreicher sind konkrete Situationen, die das Kind versteht. Es geht weder darum, immer zu sparen, noch darum, stets die vermeintlich vernünftigste Wahl zu treffen. Entscheidend ist, dass das Kind vor einer Entscheidung einige Fragen stellt und erklären kann, warum es sich für eine Möglichkeit entschieden hat.
Der Preis ist nur ein Teil der Entscheidung
Wenn es um Geld geht, fällt Kindern oft zuerst die Zahl auf dem Preisschild auf. Doch günstiger ist nicht automatisch besser und teurer nicht automatisch wertvoller. Bei einfachen Entscheidungen hilft es, zwischen Preis, Nutzen und Zeit zu unterscheiden.
Eine Süßigkeit macht vielleicht sofort Freude, ist aber schnell aufgegessen. Ein Buch oder ein Hilfsmittel kann mehr kosten, dafür lässt es sich wiederholt nutzen. Ein Geschenk für jemand anderen bringt dem Käufer keinen direkten Nutzen, kann aber für die Beziehung wichtig sein. Keine dieser Möglichkeiten ist grundsätzlich richtig oder falsch.
Vier Fragen, die beim Abwägen helfen
Bei kleineren Einkäufen oder beim Umgang mit Taschengeld können Sie immer denselben Fragenrahmen verwenden. Mit der Zeit kann das Kind ihn verinnerlichen, ohne jede Situation ausführlich besprechen zu müssen.
- Was bekomme ich jetzt davon? Freude, ein Erlebnis, einen nützlichen Gegenstand, eine neue Fähigkeit oder die Möglichkeit, jemandem zu helfen?
- Was bleibt mir später? Ein Gegenstand, eine Erfahrung, gespartes Geld oder nichts Greifbares?
- Worauf verzichte ich dafür? Wenn ich das Geld jetzt ausgebe, wofür kann ich es dann nicht mehr verwenden?
- Ist mir das gerade wichtiger als die anderen Möglichkeiten? Warum oder warum nicht?
Die letzte Frage ist besonders wichtig. Kritisches Denken über Geld bedeutet nicht, eine allgemeingültige Antwort zu finden, sondern die Gründe für verschiedene Entscheidungen miteinander zu vergleichen.
Den Unterschied zwischen Wünschen und Bedürfnissen erklären
Die Einteilung in „brauche ich“ und „möchte ich“ kann hilfreich sein, doch in der Welt von Kindern ist nicht alles eindeutig. Bleistifte für die Schule können notwendig sein, während ein zusätzliches Set Glitzerstifte eher ein Wunsch ist. Ein Buch kann zugleich Unterhaltung und Lernhilfe sein.
Statt sofort zu urteilen, können Sie das Kind zum Erklären anregen:
- Brauche ich es für eine bestimmte Aufgabe?
- Habe ich zu Hause schon etwas, das denselben Zweck erfüllt?
- Möchte ich es vor allem, weil es mir gerade gefällt?
- Werde ich es einmal oder wiederholt benutzen?
Ein solches Gespräch schließt Käufe aus Freude nicht aus. Es hilft dem Kind jedoch zu erkennen, welches Bedürfnis oder welchen Wunsch es mit seinem Geld gerade erfüllt.
Ein Geldbetrag lässt sich auf unterschiedliche Weise nutzen
Stellen Sie sich vor, ein Kind bekommt zehn Euro. Statt ihm zu sagen „Leg das Geld zurück“, können Sie fragen, was es damit alles machen könnte. Ziel ist nicht, für das Kind zu entscheiden, sondern mehrere Möglichkeiten zu finden und miteinander zu vergleichen.
| Möglichkeit | Was sie bringt | Worüber man nachdenken kann |
|---|---|---|
| Das Geld sofort ausgeben | Sofortige Freude oder einen unmittelbaren Nutzen | Ob diese Wahl wichtiger ist als spätere Möglichkeiten |
| Das Geld zurücklegen | Mehr Auswahl zu einem späteren Zeitpunkt | Wofür gespart wird und bis wann |
| Einen Teil ausgeben und einen Teil sparen | Eine Verbindung aus aktuellem und künftigem Nutzen | Wie sich der Betrag nach Prioritäten aufteilen lässt |
| Das Geld für Lernen oder Gestalten verwenden | Ein Hilfsmittel, eine Erfahrung oder eine neue Fähigkeit | Ob das Kind es tatsächlich nutzen wird |
| Einen Teil verschenken oder spenden | Hilfe oder Freude für einen anderen Menschen | Ob das Kind sich freiwillig dafür entscheidet |
Der Vergleich zeigt, dass Geld unterschiedliche Funktionen haben kann. Zugleich wird deutlich: Eine Entscheidung über Geld ist eine Wahl zwischen verschiedenen Verwendungsmöglichkeiten.
Sparen fällt mit einem konkreten Ziel leichter
Die Aufforderung „Spar dein Geld“ ist für ein Kind ziemlich abstrakt. Verständlicher wird es, wenn es für einen bestimmten Gegenstand oder ein Erlebnis spart. Wünscht es sich etwa ein Baukastenset für 24 Euro und bekommt regelmäßig einen kleineren Betrag, kann es beobachten, wie es dem Ziel näherkommt.
Dabei lässt sich ganz natürlich über Zeit und Prioritäten sprechen. Gibt das Kind einen Teil des Ersparten aus, muss daraus kein Vorwurf werden. Hilfreicher ist die Frage: „Was bedeutet das für deinen Plan?“ So erkennt das Kind die Folgen, ohne dass seine Entscheidung als falsch bezeichnet wird.
Eine Kaufpause schafft Raum zum Nachdenken
Manche Kaufwünsche entstehen einfach, weil ein Gegenstand gerade vor den Augen des Kindes liegt. Vielleicht hat es das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn es nicht sofort zugreift. Bei Wünschen, die nicht unmittelbar erfüllt werden müssen, kann eine einfache Pause helfen.
Bei einem größeren Spielzeug kann das Kind zum Beispiel aufschreiben oder zeichnen, was es sich wünscht, und erst einen Tag oder einige Tage später erneut darüber nachdenken. Interessiert es sich weiterhin dafür, kann es den Wunsch noch einmal mit anderen Möglichkeiten vergleichen.
Die Pause soll weder eine Strafe sein noch dazu dienen, den Kauf automatisch abzulehnen. Sie schafft Abstand zwischen dem ersten Wunsch und der endgültigen Entscheidung.
Beim Einkaufen Informationen statt Werbung beachten
Lesen und kritisches Denken lassen sich gut mit finanziellen Entscheidungen verbinden, wenn das Kind konkrete Angaben vergleicht. Es muss keine komplizierten Bedingungen lesen. Preis, Menge, Packungsinhalt oder die tatsächlichen Eigenschaften eines Produkts reichen für den Anfang aus.
Im Geschäft können Sie zwei ähnliche Produkte vergleichen und fragen:
- Was genau ist in den beiden Packungen enthalten?
- Unterscheiden sie sich nur im Aussehen oder auch im Inhalt?
- Welche Angaben können wir auf der Verpackung überprüfen?
- Welche Formulierung soll uns eher überzeugen als informieren?
Es geht nicht darum, kleinen Kindern eine Marketinganalyse beizubringen. Sie können sich zunächst daran gewöhnen, dass eine schöne Verpackung und eine große Aufschrift nicht dasselbe sind wie eine hilfreiche Information für die Entscheidung.
Ein möglicher Gewinn ist keine sichere Geldvermehrung
Kinder finden vielleicht die Vorstellung spannend, etwas günstig zu kaufen und teurer weiterzuverkaufen. An einem einfachen Beispiel lässt sich erklären, dass zwischen einer Idee und ihrem Ergebnis ein Unterschied besteht. Möchte ein Kind Lesezeichen basteln und verkaufen, braucht es Material, Zeit und Menschen, die sie kaufen möchten.
Es ist sinnvoll, einen möglichen Erlös von einem sicheren Ergebnis zu unterscheiden. Bei einem einfachen Kinderprojekt können Sie fragen, was das Material gekostet hat, wie viele Stücke entstanden sind und was passiert, wenn nicht alle verkauft werden.
Ein solches Beispiel fördert kritisches Denken, ohne dass das Kind mit echten Geldanlagen oder Finanzprodukten arbeiten muss.
Auch Verschenken ist eine finanzielle Entscheidung
In Gesprächen mit Kindern geht es oft ums Ausgeben und Sparen, seltener um freiwilliges Geben. Doch auch dabei entscheidet das Kind, welchen Wert es seinem Geld beimisst.
Möchte es einen Teil für ein Geschenk oder die Unterstützung eines anderen Menschen verwenden, müssen Sie diese Wahl nicht automatisch als „besser“ loben. Hilfreicher ist derselbe Vergleich wie bei den anderen Möglichkeiten: Warum möchtest du das tun? Wie viel willst du dafür verwenden? Was bleibt dir übrig? Ist es deine eigene Entscheidung?
So lernt das Kind, dass Großzügigkeit nicht bedeutet, alles herzugeben, und verantwortungsvoll zu sein nicht heißt, alles für sich zu behalten.
Ein häufiger Fehler ist, für das Kind zu entscheiden
Sagt ein Elternteil bei jeder Wahl, was „vernünftig“ ist, trifft das Kind vielleicht die richtige Kaufentscheidung, versteht aber nicht unbedingt, wie es dazu kommt. Bei kleinen, überschaubaren Beträgen kann es sinnvoll sein, dem Kind auch eine Entscheidung zu überlassen, die ein Erwachsener anders treffen würde.
Gibt das Kind sein Geld für eine Kleinigkeit aus und reicht es später nicht mehr für den gewünschten Gegenstand, ergibt sich daraus eine natürliche Gesprächsmöglichkeit. Ein „Ich hab’s dir doch gesagt“ ist nicht nötig. Vergleichen Sie lieber den ursprünglichen Plan mit dem Ergebnis und fragen Sie, was das Kind beim nächsten Mal anders machen würde.
Kritisches Denken entwickelt sich auch dadurch, dass Kinder ihre eigenen Entscheidungen rückblickend betrachten. Sie lernen, Folgen zu erkennen, statt nur einer fremden Regel zu folgen.
Ein einfaches Familienritual für jede Woche
Zum Üben brauchen Sie weder ein Arbeitsblatt noch ein besonderes Spiel. Eine kleine finanzielle Entscheidung, die Sie gemeinsam durchgehen, genügt.
- Wählen Sie eine echte Entscheidung über einen kleinen Betrag oder ein Beispielszenario.
- Lassen Sie das Kind mindestens zwei Möglichkeiten nennen, wofür es das Geld verwenden könnte.
- Fragen Sie bei jeder Möglichkeit, was sie jetzt bringt und was später davon bleibt.
- Überlegen Sie gemeinsam, worauf das Kind verzichtet, wenn es eine Möglichkeit wählt.
- Lassen Sie das Kind entscheiden und den Grund kurz erklären.
- Kommen Sie später auf die Entscheidung zurück und prüfen Sie, ob das Ergebnis den Erwartungen entsprach.
Das Ziel ist nicht, ein Kind zu erziehen, das immer spart. Wichtiger ist, dass es nach und nach die Gewohnheit entwickelt, innezuhalten, Möglichkeiten zu vergleichen, verfügbare Informationen zu prüfen und den Grund für seine Entscheidung zu benennen. Diese Denkweise hilft bei finanziellen Fragen ebenso wie bei vielen anderen Entscheidungen im Alltag.