An einer neuen Schule ist nicht unbedingt der Lernstoff die größte Herausforderung. Oft kostet es mehr Energie, herauszufinden, wie die Dinge laufen: Wo werden Aufgaben abgegeben? Was gilt für eine Lehrkraft als gute Antwort? Wen kann man bei Unklarheiten fragen? Wie findet man in eine Gruppe und was ist zu tun, wenn sich ein Plan ändert? Wer alles allein lösen möchte, sucht womöglich unnötig lange nach Antworten. Verlässt man sich dagegen nur auf eine Mitschülerin oder einen Mitschüler, steht man bei deren Abwesenheit schnell wieder ohne Anlaufstelle da.
Praktischer ist ein kleines Netzwerk von Menschen für unterschiedliche Situationen. Dafür braucht es keinen großen Freundeskreis. Es genügt zu wissen, wer bei der Orientierung, beim Lernen, bei der Teamarbeit oder bei einer unerwarteten Schwierigkeit weiterhelfen kann.
Ein unterstützendes Netzwerk bedeutet nicht, viele Freunde zu haben
Beim Wort Networking denkt man vielleicht an berufliche Kontakte oder eine große Zahl von Bekannten. In der Schule kann es viel einfacher aussehen: Sie haben einige verlässliche Kontakte für verschiedene Anliegen und können zugleich auch mit Menschen zusammenarbeiten, die nicht zu Ihrem engsten Freundeskreis gehören.
Ein Mitschüler kennt sich vielleicht mit organisatorischen Fragen aus, eine andere Person kann Mathematik gut erklären, die Klassenlehrkraft kennt die Schulregeln und ein älterer Schüler kann einschätzen, was bei einem bestimmten Fach wichtig ist. Diese Kontakte erfüllen unterschiedliche Aufgaben.
Ordnen Sie Kontakte danach, wobei sie helfen können
Wenn Sie erst kurze Zeit an einer neuen Schule sind, müssen Sie noch nicht wissen, mit wem Sie sich besonders gut verstehen. Schon in den ersten Wochen können Sie aber beobachten, wer über welche Informationen verfügt und wie die Person kommuniziert.
| Situation | Geeignete Ansprechperson | Mögliche Frage |
|---|---|---|
| Unklare Aufgabe oder Lernstoff | Lehrkraft, Mitschüler, Nachhilfelehrkraft oder älterer Schüler | Was genau verstehe ich nicht, und welchen ersten Schritt kann ich versuchen? |
| Organisation der Schule | Klassenlehrkraft, Sekretariat oder Mitschüler | Wo finde ich die Regel, den Termin oder den richtigen Ablauf? |
| Gruppenprojekt | Mitglieder des Teams | Wer übernimmt welche Aufgabe, und bis wann muss sie erledigt sein? |
| Wahl eines Fachs oder einer Aktivität | Lehrkraft, älterer Schüler oder schulische Beratung | Was wird von den Schülern erwartet, und für wen passt diese Wahl besonders gut? |
| Länger anhaltende Schwierigkeiten bei der Eingewöhnung | Klassenlehrkraft, schulische Beratung, Elternteil oder eine andere erwachsene Vertrauensperson | Was passiert, seit wann besteht das Problem und welche Unterstützung brauche ich? |
Eine solche Einteilung spart Zeit. Statt jede Frage an dieselbe Person zu richten, wählen Sie die Ansprechperson passend zum Anliegen aus.
Beginnen Sie mit drei Kontakten, nicht mit der ganzen Klasse
In eine neue Gruppe hineinzufinden, kann unangenehm sein – besonders, wenn sich die anderen schon kennen. Sie müssen sich nicht überall gleichzeitig einbringen. Knüpfen Sie zunächst drei einfache Kontakte:
- Eine Person für praktische Fragen: etwa zu Terminen, Büchern, Räumen oder zum Tagesablauf.
- Eine Person zum Lernen oder gemeinsamen Vorbereiten: zum Beispiel aus der Klasse, einer Arbeitsgemeinschaft oder einer Lerngruppe.
- Eine erwachsene Ansprechperson an der Schule: eine Lehrkraft, die Klassenlehrkraft, eine beratende Person oder jemand anderes, an den Sie sich bei größeren Problemen wenden können.
Ein solches Netzwerk ist klein, aber hilfreich. Mit der Zeit kann es ganz natürlich wachsen – je nachdem, mit wem Sie zusammenarbeiten und bei wem Sie sich wohlfühlen.
Fragen Sie so, dass andere wissen, was Sie brauchen
Mit der Frage „Ich weiß nicht, was ich tun soll“ überlassen Sie der anderen Person einen großen Teil des Problems. Hilfreicher ist es, zu zeigen, was Sie bereits verstanden haben und an welcher Stelle Sie nicht weiterkommen.
Statt „Kannst du mir die ganze Aufgabe erklären?“ könnten Sie zum Beispiel sagen: „Die ersten beiden Schritte verstehe ich, aber ich weiß nicht, was im dritten Teil verglichen werden soll. Wie hast du das verstanden?“ Diese Frage lässt sich leichter beantworten und zeigt zugleich, dass Sie bereits versucht haben, das Problem selbst anzugehen.
Bei einer Bitte um Hilfe hilft ein Vorgehen in drei Schritten:
- Erklären Sie, woran Sie gerade arbeiten.
- Sagen Sie, was Sie bereits versucht haben oder verstehen.
- Stellen Sie eine konkrete Frage.
Hilfe und Selbstständigkeit sind kein Entweder-oder
An einer neuen Schule möchten Sie vielleicht beweisen, dass Sie alles allein schaffen. Das andere Extrem wäre, bei jedem kleinen Problem um Hilfe zu bitten, ohne es selbst zu versuchen. Sinnvoller ist es, die Entscheidung von der jeweiligen Situation abhängig zu machen.
Bevor Sie jemanden ansprechen, können Sie sich drei Fragen stellen:
- Kann ich die Antwort in den vorhandenen Unterlagen finden? Wenn ja, versuchen Sie es zunächst mit dieser Quelle.
- Komme ich schon länger nicht weiter? Dann ist Hilfe womöglich effektiver, als weiter allein zu suchen.
- Hätte ein falsches Vorgehen größere Folgen? Bei Terminen, Regeln oder einer wichtigen Aufgabe sollten Sie Unklarheiten lieber früh klären.
Selbstständigkeit bedeutet also nicht, nie Fragen zu stellen. Sie bedeutet zu erkennen, was Sie allein lösen können und wann es sinnvoller ist, jemanden einzubeziehen.
Klären Sie bei Gruppenarbeiten zuerst die Zusammenarbeit
Ein Schulwechsel bringt oft auch neue Formen der Teamarbeit mit sich. Manche übernehmen gern die Führung, andere halten sich zurück, und wieder andere beginnen erst kurz vor der Abgabe. Wenn sich eine Gruppe nicht gleich zu Beginn abstimmt, können auch ohne böse Absicht Konflikte entstehen.
Klären Sie deshalb vor Projektbeginn:
- Ergebnis: Was soll abgegeben werden?
- Aufgabenverteilung: Wer übernimmt welchen Teil?
- Termine: Bis wann müssen die einzelnen Teile fertig sein?
- Kommunikation: Wo tauschen Sie sich aus, und wie melden Sie ein Problem?
- Zusammenführung: Wer fügt die Ergebnisse zu einem Ganzen zusammen?
Wenn Sie von Natur aus gern die Initiative ergreifen, müssen Sie nicht automatisch die gesamte Organisation übernehmen. Sie können eine Struktur vorschlagen und den anderen Raum lassen. Wenn Sie sich eher ungern in die Führung einbringen, können Sie mit einer kleineren Verantwortung beginnen – etwa einen Termin im Blick zu behalten oder einen Teilbereich zu koordinieren.
Stärken Sie Beziehungen durch kleine gegenseitige Hilfen
Ein unterstützendes Netzwerk funktioniert besser, wenn es nicht nur darum geht, was Sie von anderen bekommen. Sie müssen sich nicht mit genau derselben Hilfe revanchieren, können aber dort verlässlich sein, wo Sie selbst etwas beitragen können.
Das kann bedeuten, nach einer Abwesenheit Notizen zu teilen, an einen Termin zu erinnern, eine Aufgabe zu erklären, bei einem technischen Teil des Projekts zu helfen oder Bescheid zu geben, wenn sich der Raum geändert hat. Vertrauen entsteht durch viele kleine Situationen, in denen Menschen sich aufeinander verlassen können.
Das ist praktischer, als möglichst schnell viele oberflächliche Kontakte zu knüpfen. In einer neuen Umgebung zählt die Qualität der Zusammenarbeit mehr als die Zahl der Menschen, die Sie kennen.
Verlassen Sie sich nicht nur auf eine Person
Wenn Sie an der neuen Schule die erste Person finden, der Sie nahekommen, liegt es vielleicht nahe, alles mit ihr zu besprechen. Das ist bequem, macht Sie aber auch abhängig von einer einzigen Anlaufstelle. Ist die Person abwesend, wechselt die Gruppe oder weiß selbst etwas nicht, fehlt Ihnen eine weitere Informationsquelle.
Verteilen Sie Ihre Kontakte deshalb auf verschiedene Bereiche. Für organisatorische Fragen kann eine Person verlässlich sein, für ein bestimmtes Fach eine andere und bei größeren Problemen eine Lehrkraft oder eine beratende Person.
Wenn Sie sich nicht zugehörig fühlen, beginnen Sie mit einer Aufgabe
Es fällt nicht jedem leicht, über ein lockeres Gespräch neue Leute kennenzulernen. Wenn Ihnen Small Talk nicht liegt, können Sie über eine gemeinsame Tätigkeit Kontakt aufnehmen. Ein Projekt, die Vorbereitung auf einen Test, eine Schul-AG oder eine praktische Aufgabe bieten einen klaren Anlass zum Austausch.
Statt zu überlegen: „Wie finde ich Freunde?“, können Sie es mit einer einfacheren Frage versuchen: „Möchtest du die Ergebnisse dieser Aufgabe vergleichen?“, „Hast du die Aufgabenstellung genauso verstanden?“ oder „Können wir diese beiden Teile untereinander aufteilen?“ So entsteht Kontakt durch konkrete Zusammenarbeit und nicht unter dem Druck, sofort Freundschaften schließen zu müssen.
Nicht jeder solche Kontakt wird zu einer Freundschaft – und das muss er auch nicht. Schon eine gewöhnliche, freundliche Zusammenarbeit kann die Orientierung in einer neuen Umgebung deutlich erleichtern.
Ältere Schüler können Dinge erklären, die nicht in den Regeln stehen
Manche Fragen lassen sich nicht beantworten, indem man die Schulordnung liest. Wie anspruchsvoll ist ein bestimmtes Fach? Wie früh sollte man mit einem Projekt anfangen? Worauf legt eine Lehrkraft bei einer Präsentation besonders viel Wert? Welche Fehler machen neue Schüler immer wieder?
Bei solchen Fragen kann ein älterer Schüler oder eine ältere Schülerin hilfreich sein. Betrachten Sie die Erfahrung jedoch als persönliche Einschätzung, nicht als offizielle Regel. Geht es um Noten, Termine oder Pflichten, sollten Sie die Information auch bei der Lehrkraft oder in den offiziellen Hinweisen überprüfen.
Bei größeren Problemen sollten Sie nicht nur Mitschüler fragen
Mitschüler können bei der Orientierung und beim Lernen helfen und das Gefühl vermitteln, in der Schule nicht allein zu sein. Doch nicht jedes Problem gehört in eine Gruppe Gleichaltriger. Wenn Sie sich über längere Zeit verloren fühlen, immer wieder in Konflikte geraten, die Anforderungen nicht verstehen oder die Situation in der Schule Sie stark belastet, sollten Sie auch eine erwachsene Vertrauensperson einbeziehen.
Das kann die Klassenlehrkraft, eine schulische Beratungsstelle, eine andere Lehrkraft oder ein Elternteil sein. Hilfreich ist eine konkrete Beschreibung: Was passiert, seit wann besteht die Situation, was haben Sie bereits versucht und welche Unterstützung würde Ihnen im Moment am meisten helfen?
Eine einfache Kontaktübersicht für den ersten Monat
Am Ende der ersten Wochen können Sie kurz Bilanz ziehen. Sie müssen weder Ihre Beliebtheit noch die Zahl Ihrer Freunde bewerten. Entscheidend ist, ob Sie bei typischen Fragen wissen, an wen Sie sich wenden können.
Notieren Sie für diese fünf Punkte einen Namen oder eine passende Rolle:
- Wen frage ich bei organisatorischen Fragen?
- Mit wem kann ich Lernstoff vergleichen oder besprechen?
- Mit wem kann ich bei einem Projekt verlässlich zusammenarbeiten?
- Wer kann mir aus der Erfahrung älterer Schüler berichten?
- An welche erwachsene Person wende ich mich, wenn ein Problem über den Rat eines Mitschülers hinausgeht?
Wenn Ihnen bei einer Frage niemand einfällt, haben Sie einen konkreten nächsten Schritt gefunden. Sie müssen nicht allgemein „besser netzwerken“. Vielleicht brauchen Sie eine Person, mit der Sie sich auf eine Mathematikarbeit vorbereiten können, oder Sie müssen herausfinden, wer an der Schule bei größeren Problemen zuständig ist.
Sich gut an einer neuen Schule einzuleben heißt nicht, alles allein bewältigen zu müssen. Hilfreicher ist es, sich zurechtzufinden, eigene Lösungen auszuprobieren und zugleich einige Menschen zu haben, an die man sich im passenden Moment wenden kann.