Sie bekommen eine Aufgabe und wissen nicht, wo Sie anfangen sollen. Sie können nach Anleitungen suchen, einen eigenen Weg ausprobieren oder eine erfahrene Kollegin beziehungsweise einen erfahrenen Kollegen fragen. Fragen Sie zu früh, unterbrechen Sie vielleicht unnötig jemanden. Versuchen Sie dagegen, alles allein zu lösen, verlieren Sie womöglich einen ganzen Vormittag und stellen am Ende fest, dass Ihnen nur eine einzige Information gefehlt hat.
Probleme zu lösen bedeutet nicht nur, die richtige Antwort zu finden. Dazu gehört auch, einen passenden Weg dorthin zu wählen. Manchmal ist ein eigener Versuch sinnvoll, manchmal eine Rückfrage, eine Überprüfung der Rahmenbedingungen oder ein kurzes Gespräch. Entscheidend ist nicht, ob Sie selbstständig genug sind, sondern was Sie gerade daran hindert, den nächsten vernünftigen Schritt zu gehen.
Unterscheiden Sie zuerst zwischen einem Problem und einem unklaren Auftrag
Stellen Sie sich vor, Sie sollen „einen besseren Überblick über die Ergebnisse erstellen“. Sie könnten sofort eine Tabelle anlegen, Diagramme ausprobieren und Daten sammeln. Doch „besser“ kann für verschiedene Menschen etwas anderes bedeuten: Vielleicht soll der Überblick kürzer oder genauer sein oder schnellere Entscheidungen ermöglichen.
In diesem Fall haben Sie noch kein technisches Problem zu lösen. Es fehlt eine Definition des gewünschten Ergebnisses. Wenn Sie schon vorher mit der Umsetzung beginnen, müssen Sie Ihre Arbeit möglicherweise später wiederholen.
Ergänzen Sie zunächst drei Sätze: „Das Ergebnis soll …“, „Fertig ist es, wenn …“ und „Noch unklar ist …“. Können Sie die ersten beiden Sätze nicht vervollständigen, ist eine Rückfrage an die auftraggebende Person wahrscheinlich sinnvoller als weitere Versuche.
Benennen Sie, welche Art von Unterstützung fehlt
Der Satz „Ich komme nicht weiter“ kann verschiedene Situationen beschreiben, die jeweils eine andere Antwort erfordern. Manchmal fehlt eine Information, manchmal Erfahrung, ein anderer Blickwinkel oder die Befugnis, eine Entscheidung zu treffen. Unterscheiden Sie diese Lücken nicht, fragen Sie womöglich die falsche Person oder beschäftigen sich mit etwas, das Ihnen gar nicht fehlt.
| Was Ihnen fehlt | Woran Sie es erkennen | Sinnvoller erster Schritt |
|---|---|---|
| Information | Sie wissen, was Sie tun möchten, kennen aber eine Angabe oder Regel nicht | Eine verlässliche Quelle suchen oder die Angabe überprüfen |
| Fertigkeit | Sie verstehen das Ziel, beherrschen aber das nötige Vorgehen nicht | Einen kleinen Test machen oder sich den Ablauf zeigen lassen |
| Perspektive | Es gibt mehrere vertretbare Lösungen, aber ihre Auswirkungen sind schwer einzuschätzen | Mit den Personen sprechen, die das Ergebnis betrifft |
| Entscheidungsbefugnis | Sie können eine Lösung vorschlagen, dürfen aber nicht selbst entscheiden | Die Zustimmung oder Entscheidung der zuständigen Person einholen |
| Klares Ziel | Es ist nicht eindeutig, woran sich der erfolgreiche Abschluss erkennen lässt | Auftrag und erwartetes Ergebnis präzisieren |
Bei komplexeren Aufgaben können mehrere dieser Punkte gleichzeitig zutreffen. Beginnen Sie dann mit dem Hindernis, das die übrigen blockiert. Es bringt zum Beispiel wenig, ein neues Werkzeug zu erlernen, wenn noch niemand bestätigt hat, ob es überhaupt eingesetzt werden soll.
Probieren Sie selbst vor allem aus, was sich sicher rückgängig machen lässt
Ein eigener Versuch ist sinnvoll, wenn er wenig kostet, nicht lange dauert und seine Folgen begrenzt sind. Sie können das Format eines Dokuments an einer Kopie testen, einen neuen Arbeitsablauf mit Beispieldaten einüben oder einen einfachen Entwurf erstellen, ohne andere damit zu beeinträchtigen.
Anders sieht es aus, wenn ein Fehler produktive Daten verändert, die Privatsphäre gefährdet, finanzielle Verluste verursacht oder die Arbeit anderer beeinträchtigt. Dann ist Experimentieren kein guter Weg, um Selbstständigkeit zu beweisen. Je schwerwiegender und schwerer umkehrbar die möglichen Folgen sind, desto früher sollten Sie das Vorgehen überprüfen lassen.
Fragen Sie sich vor einem Versuch: „Was passiert, wenn ich einen Fehler mache?“ und „Kann ich das Ergebnis sicher rückgängig machen?“ Wissen Sie es nicht, müssen Sie nicht automatisch aufhören. Klären Sie zuerst die Risiken oder beschränken Sie den Versuch auf einen sicheren Teil.
Setzen Sie der eigenen Suche eine sinnvolle Grenze
Die offene Absicht „Ich probiere weiter, bis ich es herausfinde“ kann bei einer einfachen Aufgabe funktionieren. Bei einem schwierigen Problem kann sie jedoch viel Zeit kosten. Legen Sie vorab fest, was Sie herausfinden möchten und wann Sie prüfen, ob Ihr Vorgehen Sie weiterbringt.
Eine mögliche Arbeitsregel lautet: „In den nächsten zwanzig Minuten prüfe ich die Eingabedaten und teste eine Lösung an einer Kopie. Wenn die Ursache dann nicht erkennbar ist, bitte ich um eine kurze Beratung.“ Zwanzig Minuten sind keine allgemeingültige Vorgabe. Bei einer Kleinigkeit reichen vielleicht wenige Minuten, bei einer kreativen Aufgabe kann ein längerer Zeitraum sinnvoll sein.
Wichtig ist ein klarer Zeitpunkt, an dem Sie entscheiden, ob Sie auf dieselbe Weise weitermachen. Wiederholen Sie ohne neue Erkenntnisse denselben erfolglosen Schritt, ist ein weiterer Versuch nicht unbedingt ein Zeichen von Ausdauer.
Bitten Sie so um Hilfe, dass klar ist, wo Sie feststecken
Die Frage „Können Sie mir damit helfen?“ überlässt der anderen Person einen großen Teil der Arbeit. Sie muss erst den Auftrag, Ihre bisherigen Versuche und Ihre Erwartungen klären. Für eine ausführliche Beschreibung bleibt nicht immer Zeit. Ein paar konkrete Sätze können das Gespräch aber deutlich zielführender machen.
Bei einem üblichen Arbeitsproblem können Sie sich an dieser Struktur orientieren:
- Ziel: „Ich muss einen Überblick nach denselben Regeln wie im letzten Monat abgeben.“
- Hindernis: „Zwei Quellen zeigen unterschiedliche Zahlen abgeschlossener Aufgaben.“
- Schon überprüft: „Ich habe den Zeitraum und die verwendeten Filter kontrolliert.“
- Konkrete Frage: „Welche Quelle ist für diesen Überblick maßgeblich?“
- Zeitrahmen: „Ich brauche die Information bis morgen früh vor der Abgabe.“
So bitten Sie niemanden, die ganze Aufgabe für Sie zu übernehmen. Sie fragen gezielt nach der Information, die Ihnen fehlt. Brauchen Sie eine praktische Anleitung, sagen Sie das ausdrücklich: „Die Grundlagen verstehe ich, aber diesen Schritt kann ich noch nicht richtig ausführen. Können Sie ihn mir einmal zeigen?“
Verwechseln Sie einen Rat nicht mit der Übertragung von Verantwortung
Bei Problemen mit mehreren vertretbaren Lösungen können Kolleginnen, Kollegen oder nahestehende Personen Ihnen helfen, die Folgen der verschiedenen Möglichkeiten abzuschätzen. Ihre Prioritäten müssen aber nicht dieselben sein wie Ihre. Ein Rat kann von anderen Erfahrungen, beruflichen Pflichten oder einer anderen Risikobereitschaft geprägt sein.
Unterscheiden Sie deshalb drei Fragen: „Was wissen Sie darüber?“, „Was würden Sie empfehlen?“ und „Wer darf entscheiden?“ Die erste fragt nach Informationen, die zweite nach einer Einschätzung und die dritte nach der Zuständigkeit. Die Antworten müssen nicht von derselben Person kommen.
Haben Sie selbst die Entscheidungsbefugnis, können Sie verschiedene Perspektiven einholen, müssen aber nicht auf einstimmige Zustimmung warten. Entscheidet eine Projektleitung oder eine andere zuständige Person, legen Sie ihr die Optionen samt Folgen vor, statt stillschweigend anzunehmen, Sie könnten selbst auswählen.
Wenn jemand Ihre Idee ablehnt, fragen Sie nach dem konkreten Hindernis
„Das wird nicht funktionieren“ ist eine Bewertung, aber noch kein hilfreiches Feedback. Fragen Sie zunächst nach, was dahintersteckt, statt sofort in die Defensive zu gehen oder aufzugeben.
Sie können zum Beispiel fragen: „Welcher Teil erscheint Ihnen unrealistisch?“ oder „Unter welchen Bedingungen könnte es umsetzbar sein?“ Vielleicht zeigt sich eine tatsächliche technische oder zeitliche Einschränkung. Manchmal bevorzugt die andere Person aber lediglich eine vertraute Arbeitsweise.
Bennt der Einwand ein echtes Hindernis, passen Sie Ihren Vorschlag an und überprüfen Sie ihn erneut. Bleibt es bei einem allgemeinen Eindruck, bitten Sie um ein konkretes Beispiel oder schlagen Sie einen kleineren Test vor. Für Kritik offen zu sein bedeutet nicht, jede Ablehnung automatisch als Beweis anzunehmen.
Beispiel aus dem Arbeitsalltag: Die Projektzahlen stimmen nicht überein
Stellen Sie sich vor, Sie erstellen einen Monatsbericht für Ihr Team. In zwei internen Auswertungen finden Sie unterschiedliche Zahlen abgeschlossener Aufgaben. Ihre Führungskraft erwartet das Ergebnis am nächsten Tag. Sie könnten eine Zahl schätzen, den ganzen Nachmittag das System untersuchen oder eine Kollegin beziehungsweise einen Kollegen fragen.
Teilen Sie die Situation in mehrere Entscheidungen auf. Zuerst klären Sie, welche Definition einer abgeschlossenen Aufgabe für den Bericht gilt. Anschließend überprüfen Sie anhand einer kleinen Stichprobe das Datum und die Filter. Der Unterschied bleibt bestehen, aber Sie haben keinen Zugriff auf die Regel, nach der eine der Auswertungen die Daten berechnet.
Weitere eigene Versuche werden Ihnen in diesem Moment wahrscheinlich nicht die fehlende Information liefern. Sie wenden sich mit einer konkreten Frage zur Datendefinition an die für die Auswertungen zuständige Person. Während Sie auf eine Antwort warten, können Sie die Teile des Berichts fertigstellen, die nicht von der strittigen Zahl abhängen.
Nach der Antwort halten Sie die Erklärung im Arbeitsablauf fest, damit dieselbe Unklarheit beim nächsten Mal nicht erneut eine Stunde kostet. Erfolg bedeutet nicht, alles ohne Hilfe geschafft zu haben, sondern die Grenze der eigenen Informationen zu erkennen.
Nicht jedes Stocken ist ein Zeichen mangelnder Fähigkeiten
Wenn Sie wiederholt nicht weiterkommen, liegt es nahe, das Problem bei sich selbst zu suchen. Manchmal fehlen jedoch Zugriffsrechte, Budget, Zeit, die Mitarbeit anderer oder eine Entscheidung der Leitung. Dann beseitigt es das Hindernis nicht, wenn Sie lediglich Ihre Fähigkeiten weiterentwickeln.
Unterscheiden Sie, was Sie persönlich verbessern können und was die Rahmenbedingungen ermöglichen müssen. Sie können lernen, genauere Unterlagen vorzubereiten, aber nicht eigenständig über Zuständigkeiten anderer entscheiden. Sie können einen sparsameren Ablauf vorschlagen, aber fehlende Zeit oder Kapazitäten nicht unbegrenzt ausgleichen.
Hilfe zu holen kann deshalb bedeuten, um Rat zu bitten. Es kann aber auch heißen, ein Hindernis zu benennen, das Sie weder befugt noch in der Lage sind zu beseitigen. Auch das gehört zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Problemen.
Nutzen Sie vor dem nächsten Schritt einen kurzen Entscheidungsfilter
Wenn Sie bei einer Aufgabe das nächste Mal feststecken, stellen Sie sich fünf Fragen, bevor Sie noch eine Anleitung öffnen oder eine Nachricht schreiben:
- Weiß ich genau, was fertig werden soll? Wenn nicht, präzisieren Sie das Ziel.
- Was fehlt mir konkret? Eine Angabe, ein Vorgehen, eine Perspektive, eine Befugnis oder Kapazität?
- Ist ein kleiner Versuch sicher? Wenn ja, setzen Sie ihm eine Grenze.
- Wer kann das ergänzen, was mir fehlt? Wählen Sie eine Quelle passend zur Frage, nicht einfach die erstbeste verfügbare Person.
- Was tue ich nach der Antwort? Vereinbaren Sie eine Entscheidung oder einen nächsten überprüfbaren Schritt.
Wählen Sie die nächste passende Situation bewusst als kleine Übung für diese Fähigkeit. Bewerten Sie sich nicht danach, ob Sie um Hilfe gebeten oder alles allein geschafft haben. Achten Sie vielmehr darauf, ob Sie ein Vorgehen gewählt haben, das zur fehlenden Information, zur verfügbaren Zeit und zum Risiko passt. Diese Entscheidung kann darüber bestimmen, ob Sie ein Problem zielgerichtet lösen oder unnötig daran festhängen.