Ihr Kind kommt aus der Schule oder von einem Ausflug nach Hause und sagt: „Die wollten mich nicht dabeihaben.“ Vielleicht waren die anderen Kinder schon mitten im Spiel, vielleicht hat jemand gesagt, es sei kein Platz mehr. Eltern reagieren darauf oft sofort und stark: Sie möchten ihr Kind schützen, ihm erklären, was es tun soll, oder direkt mit der erwachsenen Person sprechen, die für die Gruppe verantwortlich war. Bevor Sie handeln, sollten Sie herausfinden, was genau passiert ist und was Ihr Kind gerade braucht.
Finden Sie zuerst heraus, welche Art von Zurückweisung vorliegt
Der Satz „Niemand wollte mit mir spielen“ kann ganz unterschiedliche Situationen beschreiben. Vielleicht lief das Spiel bereits und bot keinen Platz für weitere Mitspieler. Vielleicht gab es Streit über die Regeln. Jemand könnte das Kind auf verletzende Weise abgewiesen haben. Oder die Gruppe lässt es absichtlich und wiederholt außen vor. Ähnliche Gefühle bedeuten nicht automatisch, dass dasselbe Problem dahintersteckt.
Versuchen Sie, den Ablauf zu verstehen, ohne Ihr Kind auszufragen. Hilfreiche Fragen sind: „Was wolltest du spielen?“, „Was hast du den anderen gesagt?“, „Was haben sie geantwortet?“ und „Was ist danach passiert?“ Fragen Sie auch, ob Ihr Kind etwas anderes gefunden hat, ob eine erwachsene Person in der Nähe war und ob es schon einmal eine ähnliche Situation gab.
Achten Sie auf den Ablauf und darauf, ob es wiederholt passiert
| Was passiert | Was Sie herausfinden sollten | Eine angemessene Reaktion |
|---|---|---|
| Ein Spiel ist bereits voll | Gilt die Absage nur für dieses Spiel oder wird das Kind allgemein abgewiesen? | Helfen Sie, eine andere Möglichkeit zum Mitmachen oder einen passenden Zeitpunkt zum Fragen zu finden. |
| Die Kinder können sich nicht auf Regeln einigen | Geht es um die Regeln, die Rollen oder die Art der Kommunikation? | Unterstützen Sie eine kurze Absprache oder bitten Sie eine erwachsene Person, bei den Regeln zu helfen. |
| Das Kind bleibt wiederholt außen vor | Wann, bei wem und wie häufig passiert das? | Sprechen Sie mit der Lehrkraft oder der Betreuungsperson und vereinbaren Sie eine konkrete Beobachtung. |
| Es kommt zu Beleidigungen, Drohungen oder Demütigungen | Ist das Kind in Sicherheit und wer kann sofort eingreifen? | Stellen Sie den Schutz des Kindes in den Vordergrund und sorgen Sie dafür, dass eine verantwortliche erwachsene Person handelt. |
Sprechen Sie mit Ihrem Kind, ohne seine Gefühle abzutun oder in Panik zu geraten
Ein Kind, das sich zurückgewiesen fühlt, braucht nicht immer sofort einen Rat. Zunächst muss es hören, dass Sie seine Enttäuschung ernst nehmen. „Das ist doch nicht so schlimm, du findest andere Freunde“ ist vielleicht gut gemeint, geht aber an dem vorbei, was das Kind gerade beschäftigt. Auch heftige Empörung hilft nicht unbedingt: „Diese Mitschüler sind schrecklich!“ Das Kind könnte dann das Gefühl bekommen, Sie trösten oder die Situation herunterspielen zu müssen.
Hilfreicher ist: „Es muss sich unangenehm angefühlt haben, außen vor zu bleiben, obwohl du mitspielen wolltest.“ Fragen Sie anschließend: „Möchtest du mir erzählen, was passiert ist, oder brauchst du erst einmal etwas Ruhe?“ So unterscheiden Sie die Anerkennung des Gefühls von einer voreiligen Schlussfolgerung über die Absichten der anderen.
Üben Sie, wie man um Mitspielen bittet, statt um Anerkennung zu kämpfen
Manche Kinder wissen nicht, wie sie sich einem bereits laufenden Spiel anschließen können. Sie bleiben vielleicht still am Rand stehen oder steigen so plötzlich ein, dass sie die anderen unterbrechen. Zu Hause können Sie in einem ruhigen Moment ein paar Sätze ausprobieren. Nicht als Prüfung der sozialen Fähigkeiten, sondern als Möglichkeiten, aus denen Ihr Kind selbst wählen kann.
- Ins Spiel einsteigen: „Was spielt ihr? Kann ich in der nächsten Runde mitmachen?“
- Eine eigene Rolle anbieten: „Braucht ihr noch jemanden fürs Team oder zum Punkte zählen?“
- Ein einzelnes Kind fragen: „Möchtest du nach der Pause mit mir spielen?“
- Auf eine Absage reagieren: „Okay, dann probiere ich etwas anderes.“
Der letzte Satz kann genauso wichtig sein wie der erste. Ihr Kind muss nicht um Anerkennung bitten oder beweisen, dass es einen Platz verdient. Es kann Interesse zeigen und zugleich die Antwort respektieren. Ist die Zurückweisung grob oder wiederholt sie sich regelmäßig, reicht es nicht, dem Kind nur beizubringen, weitere Absagen hinzunehmen.
Die Ablehnung durch eine Gruppe muss nicht den ganzen Tag bestimmen
Wichtig ist, frei gewählte Zeit allein von ungewollter Einsamkeit zu unterscheiden. Wenn Ihr Kind sagt, dass es allein malen möchte, braucht es nicht unbedingt Unterstützung. Sitzt es dagegen abseits, weint und beobachtet die spielende Gruppe, kann es Hilfe dabei brauchen, eine sichere Möglichkeit zum Mitmachen zu finden.
Drängen Sie Ihr Kind nicht um jeden Preis dazu, mit einer bestimmten Gruppe befreundet zu sein. Manchmal hilft ein regelmäßiger Kontakt zu einem Mitschüler mit ähnlichen Interessen mehr als wiederholte Versuche, in einer geschlossenen Clique Anschluss zu finden. Ein Hobby oder eine kleinere Aktivität kann eine weitere Gelegenheit für Kontakte bieten, ist aber keine garantierte Lösung für Probleme in der ursprünglichen Gruppe.
Wann Sie im Hintergrund unterstützen und wann Sie direkt eingreifen sollten
Eltern möchten manchmal zu den anderen Kindern gehen und verlangen, dass sie ihr Kind mitspielen lassen. Bei einer einmaligen Absage führt das jedoch nicht unbedingt zu echter Zugehörigkeit und kann dem Kind noch mehr unangenehm sein. Umgekehrt ist „Das musst du allein regeln“ keine passende Antwort, wenn es um wiederholten Ausschluss oder verletzendes Verhalten geht.
Stellen Sie sich vor dem Eingreifen drei Fragen: Ist mein Kind in Sicherheit? Kann es die Situation überhaupt selbst beeinflussen? Passiert die Zurückweisung wiederholt? Wählen Sie danach aus, wie viel Unterstützung nötig ist.
- Im Hintergrund unterstützen: Ist die Situation alltäglich und möchte Ihr Kind selbst einen weiteren Schritt versuchen, vereinbaren Sie einen passenden Satz oder ein anderes Spiel.
- Unauffällig beim Mitmachen helfen: Wird eine Gruppenaktivität von einer erwachsenen Person betreut, bitten Sie diese, eine natürliche Möglichkeit zum Mitmachen zu schaffen, ohne das Kind vor allen anderen hervorzuheben.
- Direkt eingreifen: Bei Spott, gezielter Demütigung, Drohungen oder körperlichen Übergriffen müssen Sie für die Sicherheit sorgen und das Verhalten mit der für die Gruppe verantwortlichen Person besprechen.
Eine erwachsene Person muss keine Freundschaft verordnen. Sie kann aber Regeln für das gemeinsame Spiel festlegen, die Kinder in kleinere Gruppen einteilen, auf einen Wechsel der Rollen achten und verletzendes Verhalten stoppen. Das ist etwas anderes, als persönliche Beziehungen zu erzwingen: Es gehört zur Verantwortung, für ein sicheres Miteinander in der Gruppe zu sorgen.
Ein Beispiel von einem Schulausflug
Beispiel: Die neunjährige Lea erzählt nach einem Ausflug, dass die anderen Kinder sie nicht bei ihrem gemeinsamen Spiel dabeihaben wollten. Ihre Mutter fragt zunächst, was passiert ist. Lea erklärt, dass vier Mitschüler bereits zwei Zweierteams gebildet hatten und ihr sagten, sie seien genug. Später sagte ein Kind zu ihr, sie solle „jemand anderen nerven“. Während eines Großteils der Pause blieb Lea allein.
Die Mutter fordert Lea nicht sofort auf, sich stärker durchzusetzen. Sie sagt: „Ich verstehe, dass dich die Art, wie sie mit dir gesprochen haben, verletzt hat. Wäre es dir lieber, es mit einem anderen Kind zu versuchen, oder möchtest du, dass Frau X dir dabei hilft?“ Lea antwortet, dass sie bei der nächsten gemeinsamen Aktivität eine Mitschülerin ansprechen möchte, aber Angst vor weiterem Spott hat.
Die Mutter schreibt der Lehrerin eine sachliche Nachricht: „Lea erzählt, dass sie beim Spiel auf dem Ausflug außen vor blieb und außerdem eine verletzende Bemerkung fiel. Ich weiß nicht, wie die Situation aus Ihrer Sicht ablief. Können wir darüber sprechen, ob Ihnen wiederholtes Ausgrenzen aufgefallen ist und wie wir Lea dabei helfen können, sich sicher einzubringen?“ So erhält die Lehrerin eine konkrete Schilderung und Gelegenheit, ihre eigenen Beobachtungen zu ergänzen.
So sprechen Sie mit der Lehrkraft oder der Betreuungsperson
Wenn das Problem in der Schule, im Ferienlager oder beim gemeinsamen Training auftritt, ist ein Gespräch mit einer erwachsenen Betreuungsperson oft sinnvoller, als selbst auf fremde Kinder zuzugehen. Beginnen Sie mit beobachtbaren Ereignissen statt mit fertigen Vorwürfen. Schildern Sie, was Ihr Kind erzählt hat, wann es passiert ist und wie sich die Situation auf das Kind auswirkt. Fragen Sie, was die Erwachsenen beobachtet haben und welche Unterstützungsmöglichkeiten es für die Gruppe gibt.
Vereinbaren Sie möglichst einen konkreten nächsten Schritt statt nur allgemein zu sagen: „Wir behalten das im Auge.“ Zum Beispiel: Wer ist beim nächsten freien Spiel in der Nähe? Wie wird mit Absagen bei gemeinsamen Aktivitäten umgegangen? Wann tauschen Sie sich wieder aus? Bei einer Freizeitgruppe mit Auswahlteams oder einer Sportmannschaft können andere Bedingungen für das Mitmachen gelten als bei einer verpflichtenden Schulaktivität. Auch dort lassen sich Regeln erklären, ohne jemanden lächerlich zu machen.
Wenn Sie vermuten, dass Ihr Kind verletzt oder schikaniert wird, halten Sie die Ereignisse sachlich fest: Datum, Ort, Beschreibung des Verhaltens, anwesende Personen und wem Sie davon berichtet haben. Versuchen Sie nicht, Geständnisse von Kindern zu bekommen oder sie vor anderen auszufragen. Nutzen Sie die Möglichkeiten der Schule oder des Veranstalters. Ist Ihr Kind ernsthaft gefährdet, muss sein Schutz unverzüglich sichergestellt werden.
Was Sie bei der Unterstützung besser vermeiden
Der Versuch zu helfen kann ungewollt die ganze Verantwortung dem Kind zuschieben, das zurückgewiesen wurde. Achten Sie besonders auf diese Reaktionen:
- „Du musst mutiger sein.“ Mut kann helfen, jemanden anzusprechen. Er ändert aber nicht das Verhalten einer Gruppe, die jemanden absichtlich demütigt.
- „Dann sei eben nicht mit ihnen befreundet.“ Ihr Kind sieht diese Mitschüler vielleicht jeden Schultag und braucht mehr als den einfachen Rat, den Kontakt abzubrechen.
- „Ich regel das für dich.“ Ohne Erklärung kann dieser Schritt Ihr Kind überrumpeln. Wenn keine unmittelbare Gefahr besteht, sagen Sie ihm, mit wem Sie sprechen möchten und warum.
- „Sag etwas Witziges, dann nehmen sie dich auf.“ Freundschaft ist keine Belohnung für eine gute Vorstellung. Ihr Kind muss nicht den Unterhalter spielen, um Respekt zu verdienen.
Wenn die Zurückweisung anhält, betrachten Sie auch das Gesamtbild
Nach einem einmaligen unangenehmen Erlebnis können ein Gespräch und eine neue Gelegenheit für Kontakt ausreichen. Möchte Ihr Kind jedoch längere Zeit nicht zur Schule gehen, berichtet es wiederholt von Demütigungen, meidet gemeinsame Aktivitäten oder verändert sich sein Verhalten deutlich, sollten Sie sich nicht auf das Üben von Sätzen zu Hause beschränken. Sprechen Sie ausführlicher mit der Lehrkraft oder dem schulischen Unterstützungsteam und holen Sie bei Bedarf fachliche Hilfe hinzu.
Vereinbaren Sie für die nächste Woche einen konkreten Schritt
Wählen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind eine konkrete Situation aus: die nächste Pause, den Hobbykurs oder den Besuch auf dem Spielplatz. Vereinbaren Sie nur etwas, das Ihr Kind selbst beeinflussen kann: Es kann jemanden ansprechen, eine andere Aktivität wählen oder eine erwachsene Person um Unterstützung bitten. Wenn sich wiederholtes Ausgrenzen bereits bestätigt hat, liegt der nächste Schritt vor allem bei den Erwachsenen, die für die Sicherheit der Gruppe verantwortlich sind.
Fragen Sie nach der Aktivität nicht nur, ob Ihr Kind einen Freund gefunden hat. Fragen Sie, was es ausprobiert hat, wie es sich dabei gefühlt hat und was es beim nächsten Mal anders braucht. Fortschritt zeigt sich auch in einem wachsenden Sicherheitsgefühl und darin, Kontakte mitgestalten zu können – nicht nur an der Zahl der Einladungen zum Mitspielen.