Selbsterkenntnis ohne vorschnelle Urteile
Eine einzelne Eigenschaft erklärt nicht jeden erfolglosen Versuch
Denisa schiebt einen Onlinekurs immer wieder auf und fasst es so zusammen: „Ich bin undiszipliniert.“ Diese Bewertung sagt weder, wann sie das Lernen verschiebt, noch, was dem vorausgeht. Bei genauerem Hinsehen stellt sie fest, dass sie den Kurs spätabends öffnet, oft nicht weiß, wo sie aufgehört hat, und zunächst Zeit mit der Suche nach Materialien verbringt. Sie kann weiterhin Verantwortung für den nächsten Schritt übernehmen, beschreibt das Problem aber genauer.
Trennen Sie beim Beobachten Ihres Verhaltens die Situation, Ihr Handeln und die Folgen voneinander. Situation: Nach einem anstrengenden Tag öffnete sie den Kurs, ohne eine Aufgabe bereitzulegen. Handlung: Sie wechselte zu einer anderen Seite. Folge: Sie fing nicht mit der Aufgabe an. Diese Beschreibung ist kein Urteil über ihre ganze Persönlichkeit und zeigt, welche Aspekte sich untersuchen lassen.
Achten Sie auch auf Ausnahmen. Wann fällt es Ihnen leichter, eine ähnliche Aufgabe zu beginnen? Denisa kann feststellen, dass sie eine bestimmte Übung an einem ruhigeren Vormittag schafft. Die Ausnahme beweist noch keine Ursache, bietet aber einen Vergleich. Wenn sie gleichzeitig die Uhrzeit, das Material und den Schwierigkeitsgrad ändert, weiß sie nicht, welche Anpassung wichtig war. Für den ersten Versuch genügt es, eine Bedingung zu ändern.
Der eigene Eindruck, Lob oder das Ergebnis eines Persönlichkeitsfragebogens können Denkanstöße geben. Vergleichen Sie sie mit konkreten Situationen und betrachten Sie sie nicht als endgültige Erlaubnis oder Verbot für eine bestimmte Tätigkeit. Hier dient Selbsterkenntnis dazu, den nächsten überprüfbaren Schritt auszuwählen – nicht dazu, eine unveränderliche Geschichte darüber zu erzählen, wer Sie für immer sind.