Ihre Situation muss für sie nicht dasselbe bedeuten wie für Sie

Die eigene Erfahrung ist ein Ausgangspunkt, den Sie überprüfen sollten

Ihre Schwester lehnt eine Beförderung ab. Sie hätten eine ähnliche Gelegenheit angenommen und vermuten, dass sie Angst vor Verantwortung hat. Sie bereiten eine aufmunternde Ansprache vor, obwohl Sie ihre Gründe noch gar nicht kennen. Vielleicht denkt sie über Arbeitszeiten, die Aufgaben oder ihre nächsten beruflichen Schritte nach. Dasselbe Angebot kann für zwei Menschen einen unterschiedlichen Wert haben.

Eyal, Steffel und Epley fanden 2018 in einer Reihe von Experimenten keine durchgängig höhere Genauigkeit bei Einschätzungen, wenn die Teilnehmenden aufgefordert wurden, sich in die Perspektive anderer hineinzuversetzen. Im abschließenden Experiment verbesserte ein Gespräch, das neue Informationen lieferte, die Genauigkeit. Untersucht wurden bestimmte Einschätzungsaufgaben. Die Ergebnisse belegen weder, dass Einfühlungsvermögen nutzlos ist, noch, dass jede Frage automatisch eine wahre und vollständige Antwort hervorbringt.

Die praktische Schlussfolgerung ist zurückhaltender: Nutzen Sie Ihre Vermutung, um eine Frage vorzubereiten, nicht als Ersatz für eine Antwort. „Was war dir bei deiner Entscheidung am wichtigsten?“ fragt nach den Kriterien. „Warum hast du dir das nicht zugetraut?“ gibt bereits eine Erklärung vor. Nach ihrer Antwort können Sie nachfragen: „War also die Verfügbarkeit am Abend ausschlaggebend und nicht die Verantwortung an sich?“

Verständnis setzt nicht voraus, dass Sie genauso entscheiden. Sie können andere Prioritäten haben und trotzdem die Gründe Ihrer Schwester richtig erfassen. Wenn sie ihre Antwort nicht näher erläutern möchte, bleibt ein Teil der Situation unbekannt. Füllen Sie diese Lücke nicht automatisch mit Ihrer eigenen Geschichte. Sie können ihre Entscheidung auch respektieren, ohne alle privaten Umstände zu kennen.

Ihre Schwester hat eine Beförderung abgelehnt. Sie vermuten, dass sie Angst vor Verantwortung hat, kennen ihre Gründe aber nicht. Welche Frage eröffnet am besten ihre Perspektive?

Empathie in der Praxis: verstehen, helfen und Grenzen wahren

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